Erzählt von Alban Pinet
Um 11.30 nach den Proben liefen meine Freundin und ich langsam zurück zum Hotel. Das Wetter war schön, dennoch war uns sehr kalt. Wir freuten uns schon sehr auf die Wärme unseres geheizten Zimmers. Ein paar Meter vom Hotel entfernt merkten wir, dass zwei junge Leute neben uns liefen. Sie sprachen uns schüchtern an:
»Hello, how are you?« sagte die junge Frau.
Ich erwiderte sofort ihr Lächeln und dachte an das was mir meine Mutter am vorigen Abend gesagt hatte. »Sei doch neugierig, du bist nicht jeden Tag in Shanghai«. Neugierig, wollte ich sein. Also fing ich sofort an, mit ihr und ihrem Freund zu reden. Sie waren beide Studenten und hier in Shanghai, um sich das Laternen Fest anzugucken. Der Junge war so begeistert mich kennenzulernen. Seine Freude und Warmherzigkeit war ansteckend. Er war überrascht, Tänzern in Shanghai zu treffen und fragte mich viel über das Hamburg Ballett und unsere Vorstellungen. Der junge sprach ununterbrochen mit mir. Das Mädchen genauso mit meiner Freundin. So konnten meine Freundin und ich kein Wort wechseln. Trotzdem war ich wenig bekümmert. Ich war dagegen froh, endlich Chinesen kennenzulernen. Ich wollte noch mehr über sie wissen. Ich fühlte mich nach einem 10 Minuten Gespräch mit ihm schon vertraut. Genau dann schlugen sie uns vor, Tee trinken zu gehen. Ich war im siebten Himmel und akzeptierte sofort die Einladung.
Ich musste aber noch kurz ins Hotel, um meine Mütze zu holen. Als wir im Zimmer waren, fragte mich meine Freundin ein wenig misstrauisch, ob es nicht komisch war, dass uns Leute in der Straße aus dem Nichts angesprochen hatten. Ich erwiderte zuversichtlich, dass Lennart auch eingeladen wurde und dass es Ihm sehr viel Spaß gemacht hatte. Sie nickte kurz, nicht wirklich überzeugt. Trotzdem ging sie mit, nachdem ich wehend sagte, dass unsere neuen Begleiter ziemlich harmlos aussahen. So gingen wir zusammen, heiter und neugierig, zur Teezeremonie.
Nicht weit vom Hotel, betraten wir ein Teerestaurant, klein aber süß. Der Kellner grüßte uns höflich und bat uns, in einem winzigen Raum, wo nur einen Tisch und ein paar Stühle knapp passten, zu sitzen. Meine Freundin und ich saßen da mit unseren Freunden, etwas zerquetscht auf unsere Stühle.
Der Mann im traditionellen Trachten kam rein und machte die Tür hinter ihm zu. So hatten wir fast den Eindruck ein Geheimnis der chinesischen Kultur zu entdecken. »Was für ein Glück haben wir«, dachte ich. Er brachte mit sich eine Schüssel voller Wasser und Tassen, und fing an, uns alle auf Chinesisch anzusprechen. Unsere Gastgeber, Zhao-na und Xiao-wei, schlugen uns vor, während der Zeremonie alles zu übersetzen. Wir bedankten uns für so viele Großzügigkeit und freuten uns auf die Zeremonie.
Die Zeremonie an sich war hervorragend. Der Mann erzählte uns traditionelle
Bräuche und Legende aus China, während wir verschiedene Arten Tees probierten. Alle schmeckten unglaublich gut. Bei jeder neuer Tasse, stießen wir mit unseren neuen Freunden an: »Gambei!«. Wir lernten welcher Tee für die Nieren oder das Herz gut ist, welcher Kraft gibt, welcher für Schnupfen geeignet ist… Dem Mann nach, sollte man die heiße Tasse auf dem Gesicht rollen, um seine Haut jung zu behalten. Unsere Freunde zeigten uns auch, wie man sich Jasmin Blätter unter die Augen klebt, um Augenringe vorzubeugen. Leichtgläubig wie wir waren, haben wir uns sogar damit fotografieren lassen. Xiao-Wei und Zhao-Na lachten so herzlich mit uns. Sie sahen ehrlich genauso bezaubert aus wie meine Freundin und ich.
Der Mann in der Tracht schlug uns am Ende vor, unser Lieblings Tee zu kaufen. Zhao-na und Xiao-Wei kauften sofort welchen. Wir imitierten sie, indem wir auch eine unglaublich teure, dennoch winzige Packung unseres liebendsten Tees kauften.
Als wir die Rechnung bestellten, fragten uns die beiden nach unserer Mail.
»We should stay in contact, you can visit us, and we come to Europe soon for our study.«
Was kann man sich doch noch wünschen? Wie schön war das denn? Wir waren von so vieler Warmherzigkeit erfüllt.
Und dann kam die Rechnung.
»Aua«, dachte ich, ohne Zhao-na oder Xiao-wei meine Ungläubigkeit zu zeigen.
»We share, we share«, widersprach Xiao-Wei. »We pay seperate.«
Obwohl es teuer war, wollte ich unsere neuen Freunde nicht enttäuschen. Sie hatten doch selber bezahlt, also war es das bestimmt wert. Widerwillig musste ich das ganze Geld aufgeben, was in meinem Portemonnaie steckte.
Zum Schluss, begleiteten sie uns zum Hotel zurück. Auf dem Weg, erzählte mir der Mann, dass man in China spätestens mit 24 heiraten sollte. Er hätte viele Freundinnen in Peking, die europäische Männer so wie ich gerne heiraten würden. »You should come to Peking and meet them«. Ich bin ja schon 23. Mir bleibt nicht so viele Zeit um glücklich zu heiraten. »Bad luck otherwise!« Trotz vieler Bemühung seinerseits, lehnte ich die Einladung ab. Lachte über den Witz.
Wir verabschiedeten uns mit der Hoffnung, uns in der Woche wiederzutreffen. Meine Freundin und ich gingen dann beide in unserem Zimmer hoch. Als wir wieder nüchtern auf unserem Bett saßen und endlich zusammen in Ruhe reden konnten, sagte ich widerwillig: »das war richtig teuer, oder?«
Ich öffnete schnell mein Computer und schrieb in Google »Abzocke in Shanghai/ Teezeremonie«. Und da war es. Unsere Geschichte, genau die gleiche, erzählt von anderen leichtgläubigen Touristen. Immer die gleiche Geschichte, genau der gleiche Ablauf. Na gut. Ich lachte vor mich hin. Ein wenig verdattert.
Später Nachmittags, treffe ich Lennart und frage ihn, ob er genauso viel bezahlt hatte. Ja hatte er. Ich erzähle ihm über meinen Fund. Er antwortet, dass er eigentlich ein Verdacht hatte. Aber es war doch so schön! Andere von uns haben auch diese wunderschöne Teezeremonie erlebt. Alle waren fest davon überzeugt, dass sie es ernst meinten. Wir haben uns alle darüber totgelacht, wie leichtgläubig wir sein können.
Vielleicht aber ist es gar kein Unglück, es zu erleben. Eine lustige Geschichte ist es schon.
Am nächsten Tag, als ich auf dem Platz blickte, sah ich unsere »Freunde«. Sie unterhielten sich in einer Gruppe. Ich dachte darüber nach, ob ich sie ansprechen sollte. Nur um zu sehen, wie sie reagieren würden. Ich entschied mich jedoch dagegen.
Wir haben uns ein Bären aufbinden lassen.
Wir sind jetzt zwar etwas ärmer, aber um eine Erfahrung reicher.