Am Sonntag, den 5. Mai 2013, präsentierte John Neumeier in der Hamburgischen Staatsoper die 200. Ballett-Werkstatt. In der letzten Werkstatt seiner Jubiläums-Spielzeit drehte sich alles um seine Ballette nach William Shakespeare, womit er das Publikum auf die Wiederaufnahme von »Shakespeare Dances – Die ganze Welt ist Bühne« einstimmte.
John Neumeier bei der 200. Ballett-Werkstatt © Holger Badekow
Von Pia Christine Boekhorst
Am 9. September 1973 stand John
Neumeier das erste Mal auf der Bühne der Hamburgischen Staatsoper, um den
Zuschauern mit einer Ballett-Werkstatt Einblicke in die Entstehung seiner
Choreografien zu geben. Es war der erste Auftritt des HAMBURG BALLETT mit John
Neumeier als Direktor. Vor Aufregung vergaß er seinen Text, doch das Hamburger Publikum
verzieh ihm und schloss ihn ins Herz. 40 Jahre später konnte er es selbst gar
nicht fassen und rechnete vor: »200 Werkstätten machen 400 Stunden. Das
bedeutet, ich stand insgesamt 17 Tage und Nächte auf dieser Bühne. Ich kann nur
sagen, ich bedanke mich für diese Zeit.«
Die Jubiläums-Werkstatt widmete John Neumeier seinen Balletten, die er auf Stoffe des englischen Dramatikers William Shakespeare choreografiert hat. Denn beim HAMBURG BALLETT dreht sich momentan alles um die Shakespeare-Ballette »Hamlet«, »VIVALDI oder Was ihr wollt« und »Wie es Euch gefällt«. Szenen aus diesen Balletten werden unter dem Titel »Shakespeare Dances – Die ganze Welt ist Bühne« neu zusammengestellt und am 9. Juni zum Auftakt der 39. Hamburger Ballett-Tage das ersten Mal in dieser Kombination gezeigt. Mit einem Augenzwinkern meinte der Chefchoreograf: »Diese Szenen aus Balletten sind wie Kurzfassungen von Büchern. Wenn man in der Schule nicht die ganze Lektüre schafft, dann kauft man sich eine kurze Zusammenfassung. Bei ›Shakespeare Dances‹ ist es so ähnlich.«
William Shakespeare war ein Dichter, der John Neumeier immer wieder inspiriert hat. »Ich habe mich in neun Balletten mit ihm befasst. Zählt man das Musical ›West Side Story‹ mit, waren es sogar zehn. Es ist nicht verwunderlich, dass Shakespeare auch viele andere Choreografen angeregt hat, denn in Shakespeares Stücken selbst, besonders in den Komödien, findet sich viel Tanz. Es gibt zum Beispiel oft die Regieanweisung ›Tanzen‹ und die Schauspieler im Elisabethanischen Zeitalter waren auch als Tänzer trainiert«, erklärte John Neumeier. Das Ensemble des HAMBURG BALLETT unterstrich seine Worte mit dem lebensfrohen Schäfertanz aus »Wie es Euch gefällt« zur Musik von Wolfgang Amadeus Mozart.
Für Verwirrung und Lacher in William Shakespeares Stücken sowie in John Neumeiers Balletten sorgen oft Verkleidungsszenen. In »Wie es Euch gefällt«, das 1985 in Hamburg Premiere feierte, verliebt sich Touchstone in Adam. Adam (in der Ballett-Werkstatt getanzt von Kiran West) steckt nämlich in einem weiß-gelben Kleid mit Haube, sodass Touchstone (getanzt von Konstantin Tselikov) denkt, er habe ein hübsches Mädchen vor sich. Doch es interessiert sich nicht und versucht zu fliehen. Audrey (Patricia Tichy) dagegen ist in Touchstone verliebt und enttäuscht, dass er auf ihre Avancen nicht eingeht. Es herrscht ein vergnügliches Chaos, das ganz zum Titel von Mozarts Musik »Ein musikalischer Spaß« passt. Komplizierter und noch komischer war die Szene wohl zu Zeiten Shakespeares, als auch die Frauenrollen von Männern getanzt wurden.
Ein weiterer Teil von »Shakespeare Dances – Die ganze Welt ist Bühne« zeigt Szenen aus »VIVALDI oder Was ihr wollt«. Bei der 200. Ballett-Werkstatt tanzte Lloyd Riggins ein Solo, das John Neumeier 1996 mit ihm kreiert hat. Zur Musik von Antonio Vivaldi verwandelt sich der Erste Solist und Ballettmeister als Sebastian in einen Clown. Diese Szene ist beispielhaft für die herausragende Bedeutung von Verkleidung und Verwandlung, die immer wieder in Shakespeare-Stoffen zu finden ist und die auch John Neumeier aufnimmt.
Ernsthafter, ja geradezu herzzerreißend, wurde es beim Thema »Hamlet«. Die ersten Solisten Anna Laudere und Edvin Revazov tanzten Ophelia und Hamlet zur Musik von Michael Tippett. Hamlet mit Koffer, Zylinder und Schirm bepackt, muss Ophelia verlassen. Hin und her gerissen lässt er immer wieder alles fallen und kann sich nur schwer von ihr trennen. Zuvor erzählte John Neumeier, was ihn bei der Kreation 1997 beschäftigt hat: »Im Stück ist es, um das Drama zu verstehen, unbedingt notwendig zu wissen, was vorausgegangen ist. Shakespeares Text liefert diesen wichtigen Hintergrund. Das Ballett dagegen hat keine Form für Vergangenheit.« Deshalb löst sich der Choreograf von dem Original und trifft doch die Essenz des Stückes. »Die Figuren in Shakespeares Werken definieren sich durch die Handlung, aber die Sprache verrät uns etwas über ihr Innenleben. Dadurch entstehen ›echte‹ Menschen und man hat das Gefühl die Personen zu kennen. Es könnten Nachbarn sein. Dieses Bild eines Menschen lässt sich in Ballett übertragen. Ich übersetze nicht direkt Worte in Tanz. Es entsteht Shakespeare ohne Worte, so absurd das klingen mag«, sagt John Neumeier und beweist, dass Literatur auf der Bühne auch ohne Sprache auskommt.
In der 200. Ballett-Werkstatt hat das HAMBURG BALLETT außerdem Ausschnitte aus John Neumeiers Balletten »Ein Sommernachtstraum«, »Romeo und Julia« und »Dritte Sinfonie von Gustav Mahler« gezeigt.