von Elisa Müller
100 Jahre Ballets Russes hieß es am 19. Mai 2009: Die legendäre Compagnie feierte an diesem Tag im Jahre 1909 ihren ersten Auftritt im Théâtre du Châtelet. Das HAMBURG BALLETT feierte dieses so bedeutende Ereignis für die Ballettgeschichte zweifach: Der Ausstellungseröffnung »Tanz der Farben. Nijinskys Auge und die Abstraktion« in der Hamburger Kunsthalle folgte die Jubiläumsvorstellung von »Nijinsky«, Neumeiers choreographische Annäherung an diesen herausragenden Tänzer der Ballets Russes. Im Anschluss an die Vorstellung wurde das HAMBURG BALLETT für seine jahrzehntelange Arbeit an der Verbindung zwischen Tradition und Moderne als »Ausgewählter Ort im Land der Ideen« ausgezeichnet.
Hinter der Ausstellung steht eine Zusammenarbeit über die Grenzen der Kultursparten hinaus: John Neumeier und Kunsthallen-Direktor Hubertus Gaßner verabredeten vor zwei Jahren, dass sie dem Allround-Künstler Vaslaw Nijinsky im Jubiläumsjahr der Ballets Russes eine ganz besondere Ausstellung widmen wollten. Präsentiert werden dort nun über hundert Zeichnungen und Gouachen des Tänzers, die meisten aus dem Bestand der Stiftung John Neumeier. Sie werden einer Auswahl von Werken der russischen Avantgarde gegenübergestellt, darunter Sonya Delaunay-Terk und Léopold Survage. Gedacht wird so dem Maler Nijinsky und den Ballets Russes, die das Ballett als Gesamtkunstwerk neu erschaffen haben. »Diese Ausstellung gedenkt erstmals der kunsthistorischen Dimension Nijinskys und stellt diese in Kontext zu sinnlich-körperlich geprägten Werken von Künstlern der russischen Avantgarde«, erläuterte Hubertus Gaßner die Idee der Ausstellung anlässlich der Pressekonferenz zur Ausstellungseröffnung.
Neumeier, der bereits als Elfjähriger mit dem Kauf eines ersten Buches über Nijinsky seine jahrzehntelange, leidenschaftliche Sammlung begonnen hatte, fügte hinzu: »Nijinskys Persönlichkeit hat mich zeitlebens aus mehreren Gründen fasziniert: Er hatte nicht nur eine verblüffende Technik und Verwandlungsfähigkeit, sondern besaß eine richtige Aura und die Gabe Sinnlichkeit zu transponieren. Außerdem ging er als Choreograph völlig neue Wege und schuf die Anfänge einer modernen Bewegungsästhetik. Ich bin überzeugt, dass Nijinsky auch ein bildender Künstler war. Deshalb möchte ich mit dieser Ausstellung einen Nijinsky zeigen, der vergleichbar ist mit anderen bildenden Künstlern seiner Zeit.«
Neumeiers Begeisterung für die vielschichtige Persönlichkeit von Nijinsky wirkte ansteckend - spätestens bei der feierlichen Vernissage am frühen Abend, ebenfalls in der Hamburger Kunsthalle. Bereits eine Stunde zuvor waren alle Plätze besetzt und es herrschte aufgeregtes Treiben. Der Begrüßungsrede von Kultursenatorin Prof. Dr. Karin von Welck, folgten Worte des französischen Botschafters Bernard de Montferrand. Von Welck unterstrich besonders: »John Neumeier hat stets in seiner Arbeit Tradition mit Innovation verknüpft. Die gemeinsame Ausstellung mit der Kunsthalle zeigt wiederum seinen spartenübergreifenden Ansatz, mit dem er sich in der Tradition der Ballets Russes befindet.«
Es folgte die Jubiläumsvorstellung des Balletts »Nijinsky« in der Hamburgischen Staatsoper, zu der viele direkt von der Vernissage eilten. Vor ausverkauftem Haus gab das HAMBURG BALLETT eine einzigartig mitreißende Vorstellung. Anna Polikarpova, aus dem Mutterschaftsurlaub zurück, bewegte mit ihrer ausdrucksstarken Interpretation als Nijinskys Frau Romola. Herausragend war außerdem Yukichi Hattori, der als geistig behinderter Bruder Nijinskys glänzte. Diese Rolle hatte Neumeier für ihn in der Uraufführung im Jahr 2000 kreiert und er war eigens für diese Vorstellung aus dem kanadischen Calgary angereist.
Mit den Ballets Russes erfuhr das Ballett seine Bestätigung und Erneuerung als Kunstform, in dem sie die Gleichstellung von Choreographie, Libretto, Musik, Bühnenbild und Kostüm propagierten. Die Compagnie ist für Neumeier Inspiration und Idol. Grund genug, die ganze Spielzeit den Ballets Russes zu widmen. Höhepunkt und Abschluss der Feierlichkeiten sind die 35. Ballett-Tage vom 28.6. bis 12.7., die mit einer Weltpremiere, vier Originalchoreografien und sechs weiteren Ballets Russes-inspirierten Balletten ganz im Zeichen der legendären Compagnie stehen.
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