von Elisa Müller
Im Rahmen der Veranstaltungsreihe »Moving Heads« von »K3 - Tanzplan Deutschland« sprachen Millicent Hodson, Kenneth Archer und John Neumeier auf Kampnagel mit der Tanzjournalistin Edith Boxberger über die heutige und die historische Bedeutung von »Le Sacre du Printemps« in der Originalchoreografie von Vaslaw Nijinsky.
»Dieses Werk löste bei seiner Premiere 1913 durch die Ballets Russes einen der größten Skandale der Theatergeschichte aus.«, leitete Boxberger ein. »Die Leute waren außer sich, schrien und schlugen aufeinander ein. Doch nach acht Vorstellungen in Paris und London verschwand das Werk und wurde erst im Jahre 1987 vom Joffrey Ballet durch die Rekonstruktion der beiden Historiker Millicent Hodson und Kenneth Archer wieder auf die Bühne gebracht. Seither hat das Paar dieses Stück zwölf Mal mit verschiedenen Compagnien einstudiert und erarbeitet es nun mit dem HAMBURG BALLETT.«
Über 30 Jahre haben Hodson und Archer in zahlreichen Reisen, Interviews und Archivforschungen an der Rekonstruktion dieses revolutionären Gesamtkunstwerkes gearbeitet. Das Hauptmotiv für eine derartig ausdauernde Recherche erläuterte Millicent Hodson mit den Worten: »Verlust ist ein zentrales Thema in der Tanzgeschichte. Als wir all dieses faszinierende Material zu den Ballets Russes und zum »Sacre« entdeckten, war ich ganz betroffen, warum man den Verlust dieses Werkes zugelassen hatte. Wir wollten es rekonstruieren, um es mit eigenen Augen sehen zu können.« Und Archer fügt hinzu: »Denn wo viele Bruchstücke an Informationen vorhanden sind, ist es möglich, das Werk in der Fantasie wieder erstehen zu lassen, so dass die Rekreation zu einer kreativen Aufgabe wird.«
Zu den drei wesentlichen Informationsquellen gehören neben den visuellen Dokumenten, verbale Quellen, wie Kritiken oder Memoiren und musische Aufzeichnungen. Besonders ergiebig waren die Notizen von Marie Rambert, die Nijinsky half, die Choreografie rhythmisch festzulegen. »Ein wahrer Schatz ist es, wenn man eine menschliche Quelle konsultieren kann, einen lebenden Tänzer.«, unterstreicht Hodson. »Das Herausragende am »Sacre« war, dass Nijinsky die damaligen Erwartungen der Menschen wie ein Ballett auszusehen habe auf den Kopf stellte: Die Tänzer mussten während des ganzen Balletts einwärts gerichtet tanzen, mit seitlich abgewinkeltem Kopf springen und führten eine sehr komplexe Choreografie aus, die mit verschiedenen Bewegungen im Unter- und Oberkörper auf eine Betonung des Kontrapunktes setzte.« Wie schwierig und raffiniert Nijinskys Choreografie tatsächlich war, zeigte Hodson mit Schülerinnen und Schüler aus den Theaterklassen der Ballettschule des HAMBURG BALLETT in kurzen Szenen während der Diskussion – so wurden die Worte greifbar.
Neumeier betonte, dass es bei dieser Wiederbelebung einer verlorenen Choreografie auf Inspiration und eigene Kreativität ankommt: »Natürlich ist die ausführliche wissenschaftliche, intellektuelle Forschung ein wesentlicher Teil jeder Rekonstruktion. Doch ein Ballett ist mehr als das und wenn man Menschen hat, die die besondere Aufregung des Balletts begreifen und sich damit auseinandersetzen, dann kann etwas ganz Großes wieder lebendig werden. Dank Hodson und Archer ist daher dieser »Sacre« sehr viel mehr als eine bloße Rekonstruktion.«
Hodson erläuterte weiter, dass die gemeinsame Rekonstruktion keinen Anspruch auf Authenzität erhebe, sondern lediglich der Versuch sei, herauszufinden »was damals geschah«. »Besonders faszinierend ist es für uns, dieses Werk mit den Tänzern des HAMBURG BALLETT einzustudieren. Aufgrund der einzigartigen Ausrichtung des Repertoires der Compagnie verfügen sie über eine intuitive, kinästhetische Bereitschaft für die Werke der Ballets Russes. Es ist außerdem ganz außergewöhnlich und wundervoll, durch die Unterstützung von Schülern der Ballettschule eine komplette zweite Besetzung zu haben.« Mit welcher Freude und Professionalität die Schüler sich dieses Werk angeeignet hatten, zeigten sie in den verschiedenen Sacre-Szenen des Abends, die dem Publikum einen weiteren Vorgeschmack auf den mitreißenden Charakter des Werkes gaben.
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