von Elisa Müller
Elisabeth Jung ist Tanzbegeisterten seit Jahren ein Begriff – als Elisabeth Loscavio tanzte sie bis zum Sommer 2004 als Erste Solistin beim HAMBURG BALLETT. Inzwischen ist sie verheiratet mit Carsten Jung und Mutter zweier Mädchen. Und sie ist die Verwalterin von über 3800 Spitzenschuhen mit einem Gesamtwert von über 140.000 EUR. Wenn man sie im Spitzenschuhlager im Ballettzentrum besucht, wird klar, dass dieser Job professionelle Tanzerfahrung und eine durchdachte Planung voraussetzt. Der kleine Raum steht voller Regale, in denen sich die Spitzenschuhe bis zur Decke stapeln. Über allem hängt ein scharfer Geruch von Kleber, Leder und neu gefertigten Stoffen.
Erst beim zweiten Hinsehen wird deutlich, wie geordnet das Schuhlabyrinth eigentlich ist. So erklärt Jung: »Für jede Tänzerin habe ich Spitzenschuhe in drei Fächern und in einem Karton in Reserve. Regal und Karton sollten immer voll mit Spitzenschuhen sein, damit die Reserve groß genug bleibt. Wenn der Karton halb leer ist, mache ich eine neue Bestellung. In der Regel bestelle ich gleich 50 oder 75 Paar neue Schuhe, da die Lieferzeiten manchmal sehr lang sind – zwischen drei und sieben Monaten.« Bei 29 Tänzerinnen kann es da schnell zu Platzmangel kommen.
Jung weiß genau auf die Bedürfnisse der Tänzerinnen einzugehen: »Manche Tänzerinnen tragen spezial gefertigte Schuhe von Innovation und Capezio, oder Standardexemplare von Sansha und Bloch. Die meisten Tänzerinnen tragen jedoch Schuhe von Freed, einem Englischen Hersteller. Hier hat jede einen speziellen Schuh der sich in Form, Schnitt und Spitzenhärte unterscheidet, jeweils von einem eigenen Schuhmacher gefertigt.« Wie jede andere große Ballettcompagnie übernimmt das HAMBURG BALLETT die Kosten für dieses wichtige, Utensil der Tänzerinnen. Doch den richtigen Schuh zu finden, ist nicht leicht, weiß Elisabeth Jung: »Wenn ich eine neue Tänzerin betreue die von der Schule kommt, kann es bis zu 2 Spielzeiten dauern bis wir gemeinsam den richtigen Schuh gefunden haben.«
Der Verbrauch an Spitzenschuhen ist von Tänzerin zu Tänzerin unterschiedlich. »Es hängt viel davon ab, ob die Tänzerinnen das Training auch in Spitzenschuhen machen«, erläutert Jung. »Wichtig ist auch die Zahl der Proben und ob ein klassisches Ballett ansteht oder eines wie die ›Matthäus-Passion‹, in dem nur in Schläppchen getanzt wird. Ein weiterer Faktor ist der sogenannte ›Spann‹, das heisst die Biegung des Fußrückens. Dies beeinflusst, wie weit die Tänzerin über ihrer Fußspitze steht. Am Beispiel der Saison 2005/2006 sieht man wie sehr der Spitzenschuhverbrauch variiert: 139 für Joëlle Boulogne, 75 für Silvia Azzoni und 250 für Hélène Bouchet.«
Für professionelle Tänzerinnen sind Spitzenschuhe wie eine zweite Haut. Jede bearbeitet ihre Schuhe auf ihre Weise, um sie passend zu machen: »Manche Tänzerinnen härten die Spitze zusätzlich mit Sekundenkleber«, berichtet Jung, »andere schneiden die Sohle in der Mitte durch oder nehmen die Hälfte davon heraus. Auch die Gummibänder näht jede Tänzerin unterschiedlich an. Ein einzelnes von hinten oder seitlich oder aber zwei überkreuzt.«
Derartig präpariert scheint es nicht mehr so schmerzhaft zu sein mit dem ganzen Körpergewicht auf Spitze zu stehen, geschweige denn zu tanzen, was Jung bestätigt: »Die Füße der Tänzerinnen sind sehr stark. Daher ist Spitzentanz nicht schmerzhaft wenn die Schuhe passen. Das sieht man auch daran, dass keine professionelle Tänzerin Schutzkappen für die Zehen benutzt. Die meisten verwenden nur das Nötigste: abgeschnittene Spitzen von alten Socken, Papiertücher, Klebebänder oder, wie zum Beispiel Hélène Bouchet, Luftpolsterfolie. Wenn sie das erste Mal auf Spitze geht ist es immer sehr lustig zu hören wie es knallt wenn die Luftpolster nach und nach zerplatzen.«
Ich finde den Artikel sehr interessant und gut geschrieben. Er bringt viele Informationen, die man sonst nicht bekommt. Mich wundert aber, dass dort steht, die "Matthäus-Passion" werde in Schläppchen getanzt, es gibt doch zwei Frauengruppen, von denen eine barfuß und die andere in Spitzenschuhen und nicht in Schläppchen tanzt.
Ich freue mich auf viele weitere interessante Berichte,
Marie-Luise
Kommentiert von: Marie-Luise | 05. Juni 2009 um 22:54 Uhr