Nur vier Tage sind wir in St. Petersburg, viel zu kurz, um einen wirklichen Einblick in unsere Arbeit geben zu können und viel zu kurz, um das Petersburger Publikum zu verstehen. Sollte man meinen. Doch vielleicht liegt es gerade an der Kürze des Besuchs, dass wir unseren Aufenthalt so intensiv wahrnehmen.
Anlass der Reise ist das Tanzfestival Diaghilev P.S., zu Ehren des 100-jährigen Jubiläums der Ballets Russes. Diaghilevs berühmte Compagnie kommt aus St. Petersburg. Aber nicht nur das: Auch Petipa wirkte hier und Tchaikowsky schrieb in Petersburg seine berühmten Ballettkompositionen. Keine andere Stadt ist für die Geschichte des Balletts von ähnlicher Bedeutung. Umso größer war für uns die Ehre, das Festival eröffnen zu dürfen. Mit drei ganz besonderen Choreografien treten wir hier auf: Pavillon d’Armide, Vaslav und Le Sacre. Alle drei Stücke zeigen Neumeiers Auseinandersetzung mit den Ballets Russes, seine lebenslange Bewunderung für Vaslav Nijinsky und seine Hoffnung, die Leistungen Serge Diaghilevs weiterführen zu können. Folgerichtig bezeichnete er sich selbst in seiner Ansprache vor der Premiere am Montag als »eine Art deutsch-amerikanischer Diaghilev aus Milwaukee«, der bis heute versucht, das Wirken der Ballets Russes in das 21. Jahrhundert fortzuschreiben.
Der Ort, in dem wir auftreten, könnte kaum geschichtsträchtiger sein: Das Alexandrinsky Theater wurde 1756 eröffnet und ist das älteste Theater Russlands. Direkt angrenzend liegt die berühmte Vagonova Schule, an der fast alle berühmten Tänzer des letzten Jahrhunderts ausgebildet wurden: Nijinsky, Pavlova, Nurejev sind nur drei der Namen, die sich im Flur der Schule auf den Namenstafeln der Abschlussjahrgänge finden. Die heiligen Hallen des Tanzes sind das. Hier finden unsere ersten Trainings und Proben statt. Was für ein Auftakt.
Bei so viel Tradition wundert es nicht, dass das Ballett in Russland einen viel höheren Stellenwert hat, als dies in Deutschland der Fall ist. Hier ist man stolz auf diese Tanztradition, die weltweit viel dafür tut, dass Russland als Kulturland gilt. Wir groß das Interesse am Hamburg Ballett ist, überrascht uns dann aber doch: Zur Pressekonferenz am Montagnachmittag kamen über 80 Journalisten und 12(!) Kamerateams. Alle russischen Fernsehkanäle berichten über unser Gastspiel und über das Festival. Das ist ungefähr so, als ob das Hamburg Ballett in Tagesschau, Heute, N24 und den Nachrichtensendungen der privaten Sender auf einmal laufen würde. Überwältigend. Und unbedingt in Deutschland nachahmenswert.
Die Premiere am Montagabend hielt, was die Voraberfahrungen versprachen: Wir tanzten vor einem ausverkauften Haus, selbst alle Stehplätze des Theaters waren besetzt. Das Programm wurde sehr gut aufgenommen. Warmer, enthusiastischer Beifall brandete uns entgegen. Es war das erste Mal seit fast einhundert Jahren, dass der Pavillon d’Armide wieder in St. Petersburg aufgeführt wurde. In einer neuen Choreografie, die sich tief vor der russischen Tanztradition verbeugt und gleichzeitig in ihrer Modernität Wege für das Ballett der Zukunft aufzeigen kann. Ein Ballett ist zurück nach Hause gekommen. Und wir irgendwie auch.
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