von Merle-Sophie Röhl
»One, two, three, four, FIVE« zählt John Neumeier und augenblicklich heben die Tänzer ihre Partnerinnen in die Höhe. Die Kreationsprobe von »Orpheus« verschlägt allen Zuschauern im Petipa-Studio den Atem. Und das nicht nur, weil die Luft vom stundenlangen Proben zum Schneiden dick war. Über 1500 Besucher strömten in das Ballettzentrum Hamburg – John Neumeier in Hamburg-Hamm zum »Tag der offenen Tür«. Anlässlich des 20-jährigen Geburtstags des Ballettzentrums feierte die Kompagnie, John Neumeier, die Verwaltung und viele andere Abteilungen, die zum Gelingen der täglichen Ballett-Arbeit beitragen am 24. Oktober. Vor zwanzig Jahren, genauer am 23. September 1989 wurde das Ballettzentrum Hamburg – John Neumeier offiziell eingeweiht. Damit befanden sich erstmalig und weltweit einmalig das Trainingszentrum einer Compagnie, Ballettschule mit angeschlossenem Internat und Ballettverwaltung unter einem Dach.
Die Ballettsäle waren am Samstag bis zum letzten Platz ausgefüllt. Egal ob Tonabteilung, Maske, Massage oder Kostüm, alle gaben Einblicke in ihre tägliche Arbeit. Auch wenn man bei der ehemaligen Ersten Solistin und heutigen Ballettschuhverwalterin Elizabeth Jung den Kopf in den kleinen Ballettschuhraum steckte, tummelten sich dort viele Interessierte. Die Besucher waren begeistert bei der Sache: »Wieviel kostet ein Paar Spitzenschuhe? Wieviel Paare verbraucht ein Tänzer pro Jahr?«. Fragen, die Elizabeth Jung mühelos beantworten konnte.
Kleine Ballettmäuse drängten sich im Foyer durch die Menge zum Treppenhaus des südlichen Flügels: Im Ballettstudio Balanchine bot Ann Drower, Ballettpädagogin der Ballettschule des HAMBURG BALLETT, Schnupperstunden für die kleineren Gäste ab sieben Jahren an. Der Schulunterricht der höheren Klassen, sei es modern oder klassisch, war ebenfalls öffentlich zugänglich.
Die Compagnie probte diverse Stücke. Besonders beeindruckend war aber die Kreationsprobe »Orpheus«. Das Stück feiert am 6. Dezember Premiere.»Are you ready?« tönte es von der Mitte des Spiegels. Dort hatte John Neumeier seinen Platz und choreographierte vor den Augen von etwa 100 Ballettfans eine »Orpheus«- Szene. Hier schoben drei Tänzer je einen Stuhl über den Boden, welcher von den Tänzern in der Mitte des Saales in Empfang genommen und dann über den Köpfen ihrer Partnerinnen zur anderen Seite des Raumes befördert wurden. »That was good« lobt Neumeier nach gelungenem Durchgang. Hautnah sind wir als Gäste am Entstehungsprozess von »Orpheus« dabei. So etwas hat es noch nie gegeben. Sonja Tinnes, Choreologin resümiert am Abend: »Das ist der Wahnsinn! John hat eine komplette Szene gestellt. Er war heute sehr kreativ!«
Ein Zusammentreffen der Generationen fand zwischen den Ballettschülern und ehemaligen Schülerinnen der»Oberrealschule für Mädchen« statt. Denn als solche (und später als Gymnasium) diente das denkmalgeschützte Gebäude, bevor es zum Ballettzentrum umgebaut wurde. Ingeburg Poennicke war von 1933 und Elisabeth Lucca von 1934 bis 1938 in die Schule an der Caspar Voght-Strasse gegangen. Im jetzigen Choreologieraum drückten sie in der sechsten Klasse zusammen die Schulbank. Dort trafen sie am Samstag auf eine weitere Ehemalige, Ingrid Kröger. Sie war von 1956 bis 1960/61 auf der Schule, zur »Rock´n Roll«-Zeit, wie sie selber sagt. Alle eint das Interesse an dem ehemaligen Schulbau und die Bewunderung für die Umgestaltung des Gebäudes. Elisabeth Lucca war sogar schon bei der Einweihung der Schule 1931 dabei und wusste ab dem Moment: »Da will ich unbedingt zur Schule gehen«. »Dann musst Du dich in der Volksschule auch besonders anstrengen« lautete das Echo der Eltern auf ihren Ausruf.
Diesen unbedingten Willen bewies vor zwanzig Jahren auch John Neumeier. Er kämpfte lange Zeit für das Entstehen eines Ballettzentrums: Am 11. Juli 1985 wurde sein Bauvorhaben schließlich vom Hamburger Senat durchgewunken. Bei seiner Erzählung des schweren und langen Wegs zu einem eigenen Ballettzentrum während der Jubiläums-Ballett-Werkstatt am am 26. Oktober in der Oper konnte man noch heute die Erleichterung spüren. Da wurde manches Auge feucht.
Hinter der Bühne bereiteten sich derweil die Kleinsten der Ballettschule auf die Vorstellung vor. Auch aus Toronto, London, Kopenhagen, Paris und aus Stuttgart kamen Schüler renommiertester Ballettschulen, um John Neumeiers Ballettzentrum zu feiern. Das Programm war dementsprechend bunt – von klassisch bis modern, alle Stile und Altersklassen waren an diesem Abend, der eher einer Gala als einer Ballett-Werkstatt glich, vertreten. Die Schüler begeisterten das Hamburger Publikum. Und sagten alle auf ihre Weise: Happy Birthday, Ballettzentrum Hamburg!
Kommentare