von Merle-Sophie Röhl
»Das tägliche Training ist wie eine Art Religion.« Mit Inbrunst vertritt Leslie McBeth ihre Ansicht über das tägliche Exercise. Von 10 bis 11.30 Uhr bereiten sich die Tänzer konzentriert auf den Tag und ihre Arbeit in den Proben vor. »Wenn ich früher nicht mit Training in den Tag gestartet bin, dann war ich nicht wirklich bei der Sache, irgendwie konfus,« fügt Leslie McBeth hinzu und verzieht dabei aussagekräftig ihr Gesicht. Sie muss es wissen. Seit 2003 ist die Amerikanerin als Ballettmeisterin beim HAMBURG BALLETT tätig und blickt auf eine 22-jährige Karriere als Solistin und Erste Solistin zurück. Über Stationen unter anderem beim Sacramento Ballet, Zürich Ballet und schließlich auch beim Stuttgart Ballett hat sie viel Erfahrung sammeln können. Auch als Ballettmeisterin hat sie bereits in zahlreichen Compagnien gastiert.
Leslie McBeth / © Holger Badekow
Dem gut 1,5-stündigen Training an der Stange und später im freien Raum, beispielsweise beim Adagio, misst sie besondere Aufmerksamkeit zu. Sie achtet auf die Technik jedes einzelnen Tänzers, korrigiert Bein- und Armhaltung.
Nach dem Exercise beginnen die Proben. Im Moment studiert sie Szenen aus dem »Nussknacker« und »Weihnachtsoratorium« mit der Compagnie ein. Ihre Aufgabe ist es, den Tänzern zu helfen ihren eigenen Weg zu gehen, die Rolle individuell auszufüllen.
Auf die Frage, wie lange sie braucht, um die Szenen neuer Ballette oder Stücke, die lange nicht im Repertoire waren, zu erlernen, lacht Leslie McBeth laut auf: »Schnell! Das war schon früher so, als ich noch getanzt habe und hat sich auch heute nicht geändert.«
Falls sie Schwierigkeiten hat, Ballettpartien zu rekonstruieren, helfen ihr und den anderen fünf Ballettmeisterinnen und -meistern des HAMBURG BALLETT Videos, DVDs und Bücher. Eine Art Forschungsarbeit betreibt Leslie McBeth, wie sie selber sagt, wenn sie wissen muss, wie die Choreografie ursprünglich war. Daher schreibt sie seit Jahren selber Notizen auf, um ganz sicher zu gehen, dass sie alle Schritte richtig erinnert.
Die Souveränität in ihrem jetzigen Beruf hat Leslie McBeth mit der Zeit erlangt: »Wenn man eine gute Tänzerin ist, dann heißt das nicht automatisch, dass man auch eine gute Ballettmeisterin ist. Ich war mir anfangs nicht sicher, ob ich das überhaupt kann.« Ein offenes Ohr für die Tänzerinnen und Tänzer und ihre Belange ist wichtig. Die Ballettmeisterin erzählt, dass sie mittlerweile in der Lage ist, beim Betreten des Ballettsaals zu spüren, in welcher seelischen Verfassung sich die Tänzerinnen und Tänzer befinden. Dann muss sie das Ensemble in eine, wie sie selber sagt »Unterhaltung« einbinden, die die Künstler vorbereitet für die gemeinsame Arbeit. Sie betont, dass Kommunikation wichtig für eine gute Zusammenarbeit ist. Daneben sind Musikalität, Humor und vor allem eine ausgeprägte Leidenschaft für den Beruf wichtig. Denn als Ballettmeisterin zu arbeiten, kostet meist genauso viel Kraft, wie selber zu tanzen. Abends schleicht sich dann häufig eine geistige Müdigkeit ein, da sie jede(n) einzelne(n) Tänzerinnen und Tänzer im Blick hat: Stehen alle richtig, sind sie im Takt?
Jeden Tag, von Montag bis Samstag, ist Leslie McBeth von morgens bis abends mit den Tänzern zusammen. Viele Stunden in der Woche arbeitet sie auch mit John Neumeier. Sie pflegen einen sehr offenen, intensiven Dialog. Als Ballettmeisterin stellt sie selber den Anspruch an sich, die Visionen des Choreografen umzusetzen. Dafür ist es wichtig, dass sie in ihrer Zeit beim Stuttgart Ballett, als Solistin von 1980 bis 1985, Hauptrollen in seinen Balletten tanzte. Sie kennt seinen Stil. Damals wie heute schätzt sie den kreativen Prozess, der ihre Arbeit mit John Neumeier als Tänzerin und Ballettmeisterin prägt und begleitet. »Deswegen habe ich auch immer wieder so viel Freude beim HAMBURG BALLETT.« Auf die Frage, ob sie immer noch nervös sei wenn sich der Bühnenvorhang hebt, nickt sie heftig: »Natürlich fiebere ich mit und frage mich ständig: Haben die Tänzer an alles gedacht? Sitzen die Kostüme? Ist jeder an seinem Platz?« Das Glücksgefühl, wenn sie dann die Tänzer und Tänzerinnen im Ballettsaal oder auf der Bühne erlebt, belohnt sie jedes Mal: » Ich bin immer wieder sehr glücklich, wenn ich etwas so Schönes sehe«.
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