»China ist die Zukunft« heißt es seit Jahren in wirtschaftsorientierten Schlagzeiten. Ein immenser Binnenmarkt, eine Population von über einer Milliarde Menschen, ein Wirtschaftswunder, dass das Land in den letzten 30 Jahren von Grund auf verändert und zu einer der weltweit führenden Wirtschaftsmächte gemacht hat. Aber Lebensqualität besteht aus mehr als wirtschaftspolitischen Kennziffern. Auch das scheint inzwischen in China angekommen zu sein. Und so werden immer mehr große Produktionen aus aller Welt in das Reich der Mitte eingeladen, um der hiesigen Bevölkerung einen Einblick zu geben in die Elite der westlichen Kultur.
Und so war es eine Frage der Zeit, bis auch das HAMBURG BALLETT wieder auf Gastspiel nach China kommen würde. Vom 30. Januar bis 10. Februar sind wir in Peking und spielen hier sechs Mal unseren Klassiker »Die Kameliendame«. »Mit wem ich in der letzten Zeit auch sprach«, so John Neumeier bei der Pressekonferenz zum Auftakt des Gastspiels, »alle sagten mir, sie wären in diesem Jahr in China – das American Ballet Theater, das San Francisco Ballet, das Bolshoi Ballett. Also wurde es auch für uns höchste Zeit, hier herzukommen.«
U. Schmidt, J. Neumeier, J. Boulogne, A. Riabko / © Holger Badekow
Der Unterschied zwischen diesem Gastspiel und dem letzten vor elf Jahren, das uns zum ersten Mal nach Peking geführt hatte,önnte größer kaum sein. Nicht nur, dass sich Peking gewandelt hat und stolz seine neugebauten Hochhäuser in den Himmel streckt, auch das Theater selbst ist heute ein ganz anderes. Erst vor zwei Jahren entstanden, zeigt das National Center for the Performing Arts eben jene Großproduktionen aus aller Welt, von denen oben die Rede war. Als riesengroßes architektonisches Ei in einem spiegelnden See ist es schon von außen ehrfurchteinflößend. Von innen bietet es drei Spielorten Platz, Oper, Theater und Philharmonie. Wobei allein die Oper, in der unsere »Kameliendame« stattfindet, über 2000 Besuchern Platz bietet und mit 18 Metern Breite die größte Bühne hat, auf der wir je getanzt haben. Eine Herausforderung für ein Ballett wie die »Kameliendame«; das von der Nähe zwischen Tänzern und Publikum lebt, von der Intimität der Pas de Deux. Das Stück muss also entsprechend neu ausgerichtet werden, nach vorn gezogen, dem Publikum entgegen.
National Center for the Performing Arts / © Holger Badekow
Auch hinter der Bühne ist das Theater riesig. Unendliche, gleich aussehende Gänge verästeln sich auf drei Stockwerken und machen eine Orientierung fast unmöglich. Nicht nur unsere Tänzer, Techniker und Kostümbildner sieht man verwirrt von Raum zu Raum hetzen, auch unsere chinesischen Kollegen haben ihre große Mühe, den richtigen Weg zu finden – und zu kommunizieren.
Die Zukunft hat begonnen, doch sie steckt voller Herausforderungen. Wir werden die ersten davon hoffentlich auf diesem Gastspiel meistern.
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