von Karina Voigt
Donnerstag, 14.55 Uhr im Wigman-Saal: In fünf Minuten werden hier die Proben von Lizhong Wangs Choreografien »Story« und »Secret« beginnen – beide Stücke werden bei der »Werkstatt der Choreografie« gezeigt, die am 1. März im Ernst Deutsch Theater Premiere feiert.
Die meisten der Tänzerinnen und Tänzer sind bereits da. Sie sitzen neben den Ballettstangen auf dem Boden und wärmen sich auf. Einer von ihnen, Takeshi Ikeda, beginnt vor dem großen Spiegel kleine Sprünge zu machen – ein besonderes Aufwärmen für die Grandes Jetés und Sissones, die er in den Stücken tanzt. Man sieht ihm an, dass er Spaß daran hat – »Sprünge sind mein Markenzeichen!« sagt Takeshi über sich selbst und ich verstehe jetzt, wie er auf diese Aussage kommt.
Dann öffnet sich die Tür ein weiteres Mal. »Lizhong ist heute nicht dabei, er muss mit dem Ensemble ›La Sylphide‹ proben!«, erfahren die Ballettschüler durch einen ihrer Kollegen. Kurze Zeit herrscht Ratlosigkeit: Eine Probe ohne den Choreografen? Sind überhaupt ausreichend Tänzer da? Lizhong ist schließlich nicht der einzige, der bei »La Sylphide« mittanzt! Doch dann beschließt Lilli Dahlberg: »Soviel Zeit haben wir nicht mehr, um zu proben. Kommt, wir machen ›Story‹!«
Auf dieses Kommando scheinen alle gewartet zu haben. Schnell läuft Futaba Ishizaki zum CD-Spieler, legt die Musik ein und noch ehe ich es wirklich begreife, merke ich, dass die Gänge der Ballettschüler nicht mehr zufällig sind. Ich habe das Gefühl, Menschen in einem Park oder in einem Einkaufszentrum zuzusehen. Sie gehen aneinander vorbei, bleiben stehen und setzen ihren Weg gemeinsam fort – so beginnt »Story«. Lizhong hat mir gesagt, dass seine Choreografien von Filmen inspiriert werden. Tatsächlich habe ich ein ziemlich klares Bild davon, wie die ersten Takte gefilmt aussehen würden. Doch das, was ich getanzt sehe, ist schöner als jeder Film. Mit den jungen Tänzern kann ich viel stärker mitfühlen als es mir eine Kinoleinwand erlaubt. Und dabei handelt es sich nur um eine Probe – ohne Kostüme, ohne Licht, einfach nur ein Ballettsaal und eine Handvoll Tänzer, die gemeinsam ein Ziel haben: Dem Publikum mit ihrem Tanz eine Geschichte zu erzählen und beim Zuschauer Emotionen auszulösen.
Derweil wird die Geschichte weitererzählt – ein Mann und eine Frau kommen zusammen, tanzen gemeinsam einen Tango.
Am Rand stehend haben sich die Figuren wieder in Schüler zurückverwandelt. Sie nutzen die Zeit, während der sie nicht tanzen müssen, um Unklarheiten zu beseitigen und die Schritte ihres nächsten Auftritts anzudeuten: Sollte der Arm jetzt gestreckt oder gebeugt sein? Wenn ich mich auf dem Boden drehe, wann setze ich dann die Beine auf um aufzustehen?
Die Personenkonstellationen in »Story« verändern sich. An einer Stelle tragen Takeshi und Aljoscha einen getanzten Streit aus – der Tanz der beiden wirkt viel intensiver als reale Prügeleien. Trotzdem: Es ist schön.
Nach etwa dreißig Minuten wird die Probe unterbrochen: Beatrice Schickendantz-Giger, Lehrerin für Tanz-Komposition, betritt den Raum. Mit ihr gemeinsam kommen auch einige andere Schüler der Theaterklasse. Eigentlich wäre jetzt normaler Kompo-Unterricht bei Frau Schickendantz angesetzt, doch Alessandra LaBella hat eine bessere Idee: Sie hat ihre Kostüme für die »Werkstatt der Kreativität« schon besorgt und regt an, eine Art Durchlauf zu machen – mit allen Stücken, deren Beteiligte gerade anwesend sind. So komme ich in den Genuss eines Einblicks in das, was das Publikum im Ernst Deutsch Theater ab Montag erwartet. Mehr verraten möchte ich hier aber nicht, schließlich soll sich jeder selbst ein Bild davon machen, wie spannend die jungen Ballettschüler nicht nur tanzen, sondern auch choreografieren.
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