von Karina Voigt
In der letzten Januarwoche, bevor das HAMBURG BALLETT nach China abreiste, nutzte Yohan Stegli jede freie Minute, um mit einer Spendenbox durch die vielen Flure des Ballettzentrums zu gehen und bei seinen Freunden und Kollegen Geld für die Erdbebenopfer von Haiti zu sammeln – mit Erfolg. So etwas hatte es hier zuvor noch nie gegeben und alle waren begeistert vom Engagement der Tänzer, die alle ihr Bestes gaben, um die Einnahmen der Spendenbox zu erhöhen. So wurde die Spendensammelaktion der Tänzer von allen positiv aufgenommen und man überlegte, wie man die tolle Idee der Tänzer unterstützen könnte.
Als Yohan Stegli erfuhr, es die Idee gab, eine öffentliche Führung durch das Gebäude anzubieten, fiel ihm sofort etwas Neues ein: »Wir sind doch Tänzer, da können wir auch für die Besucher tanzen.« Und so rief Yohan seine Kollegen zusammen und erstellte mit ihnen gemeinsam ein Programm für eine Benefiz-Vorstellung im Ballettzentrum. Sein fertiges Konzept für zwei Ballett-Programme – von den Tänzen, die gezeigt werden sollten bis zu Personal für die Garderobe hatte er an alles gedacht – stellte er einige Tage später John Neumeier vor. Auch der war begeistert. So begannen alle, sobald sie aus China zurückgekehrt waren, Yohans Idee des »Debuts für einen Neuanfang« umzusetzen.
Silvia Azzoni und Alexandre Riabko/ © Holger Badekow
Die folgenden Wochen waren arbeitsintensiv, denn schließlich wollten sich alle unterstützend einbringen: Nach den regulären Proben trafen sich die Tänzer erneut in den Ballettsälen, um die Choreografien einzustudieren, die Presseabteilung schrieb Ankündigungen, um die Zuschauer auf die Veranstaltung aufmerksam zu machen und nahm die zahlreichen Anmeldungen entgegen, die Internatsschüler bastelten eine neue, größere Spendenbox, Kostüme für die Tänze wurden organisiert, die Musik wurde zusammen geschnitten, ein Ablaufplan wurde erstellt und vieles mehr. Jeder im Ballettzentrum war organisatorisch an der Benefiz-Aktion beteiligt.
Am 21. März war es dann endlich so weit: Um 12.30 Uhr öffnete das Ballettzentrum seine Türen für die 200 Besucher, die das Glück hatten, einen Platz für eines der Programme zu bekommen. Obwohl die erste Vorstellung erst um 14 Uhr beginnen sollte, fanden sich die ersten Gäste mit Türöffnung ein und überbrückten die Wartezeit in der Kantine des Ballettzentrums, die sich ebenfalls entschlossen hatte, UNICEF zu unterstützen und ihre Einnahmen zu spenden.
Joëlle Boulogne war um 13 Uhr als Erste mit ihrem Debut an der Reihe: Eine Stunde lang leitete sie für ihre Kollegen ein öffentliches Balletttraining
Das eigentliche Gala-Programm begann mit einer Begrüßung von Yohan Stegli und mit dem »Tanz der Leutnants« aus »Der Nussknacker«. Ensemble-Mitglied Konstantin Tselikov begeisterte gemeinsam mit den Ballettschülern Aleix Martinez und Marcelino Libao das Publikum und bewies damit, dass »Der Nussknacker« nicht nur zu Weihnachten, sondern auch im Frühling die Zuschauer glücklich macht. Das Besondere an »Debut für einen Neuanfang« war, dass jeder die Möglichkeit hatte, sich zu wünschen, was er schon immer einmal tanzen wollte. Und so bekamen die Zuschauer an diesem Sonntag viel Neues zu sehen: Von Stücken, die noch nie gezeigt wurden bis hin zu Variationen aus aktuellen Balletten. So tanzte Amélie Berthet beispielsweise »Die Kleine Meerjungfrau« und Orkan Dann präsentierte dem Publikum zum ersten Mal seine neue Choreografie »Lighthouse«.
Mariana Zanotto und Konstantin Tselikov / © Holger Badekow
Aleix Martinez / © Holger Badekow
Yuka Oishi, Hannah Coates, Florencia Chinellato und Taisia Muratore / © Holger Badekow
Gegen 15.30 Uhr beendete Yohann Stegli gemeinsam mit UNICEF-Arbeitsgruppenleiterin Dorothee von Unruh und Schauspielerin Johanna Christine Gehlen die erste Vorstellung. Die beiden UNICEF-Repräsentantinnen bedankten sich herzlich beim Publikum für die Spenden und erklärten, warum es gerade jetzt, nach der ersten Spendenwelle, besonders nötig sei, Gelder zu generieren: Für eine nachhaltige Hilfe und eine Traumatherapie, für Heime, für Schulen – kurz: Um all die Programme aufzubauen, die die Kinder in Haiti so dringend brauchen, bedarf es mehrjähriger Arbeit und die kann nur durch kontinuierliche Spenden gewährleistet werden.
Yohan Stegli, Dorothee von Unruh und Johanna Christine Gehlen / © Holger Badekow
Zwischen dem ersten und dem zweiten Programm blieb genau eine Viertelstunde Zeit, um den großen Ballettsaal »Petipa« einmal durchzulüften, ehe die nächsten Zuschauer ihre Plätze einnahmen. Währenddessen halfen einige der Tänzer an der Garderobe am Arbeiten. Besonders beeindruckend dabei war Gruppentänzer Lennart Radtkes fotografisches Gedächtnis: Sobald er merkte, dass jemand seinen Mantel wieder haben wollte, hielt er auch schon das richtige Kleidungsstück in seinen Händen und überreichte es.
Als die Tänzer erfahren hatten, dass einige Zuschauer es schade fänden, dass vor dem zweiten Programm kein öffentliches Training angesetzt war, entschlossen sie sich spontan, an diesem besonderen Tag einfach doppelt zu trainieren. Und so hatten auch die Besucher der zweiten Vorstellung die Möglichkeit, Joëlle Boulogne einmal nicht als Tänzerin, sondern als Ballettlehrerin zu erleben.
Während dann um kurz nach 16.30 Uhr die zweite Benefiz-Vorstellung begann, zogen sich die Mitarbeiter hinter den Kulissen zurück und zählten die Spenden, die durch die Eintrittsgelder zusammengekommen waren.
Gegen 18 Uhr neigte sich dann auch die zweite Vorstellung dem Ende und Yohann Stegli konnte dem Publikum einen Erfolg verkünden: Rund 11 000 Euro waren an diesem Tag zusammen gekommen – niemand hatte mit einer Summe in dieser Höhe gerechnet und der Initiator Yohan Stegli sagte dazu: »Ich war total überwältigt, dass so viele Leute gekommen sind, um mit uns gemeinsam UNICEF zu unterstützen.«
Langsam verließen die Zuschauer das Ballettzentrum, die meisten jedoch nicht, ohne vorher noch zu sagen, wie gut ihnen die Veranstaltung gefallen habe. Und mit dem Wunsch, dass es so eine Aktion häufiger gäbe.
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