Von Sarah Bidoli
Einen Tag vor der eigentlichen Vorstellung hat um 17:00 die Generalprobe für »Erste Schritte«, die Schulvorstellung der Ballettschule JOHN NEUMEIER auf der Bühne der Hamburger Staatsoper stattgefunden. Die ganze Schule, von den ganz Kleinen bis hin zu den älteren Schülern der so genannten »Theaterklassen«, ist in Aufruhe.
Auch als Zuschauer im Saal der Staatsoper kann man die gespannte Stimmung spüren, nicht nur weil die Eltern der Schüler zu den Proben eingeladen sind, sondern auch weil der Chefchoreograf John Neumeier höchstpersönlich jede einzelne Bewegung der Kleinen und weniger Kleinen verfolgt. So viel Perfektionismus braucht seine Zeit: fünf ganze Stunden dauert die Probe! Aber zum Glück dürfen die jüngeren Klassen in der Pause schon nach Hause gehen.
»Jubiläumstänze« – Choreografie: Kevin Haigen © Holger Badekow
Während der Proben werden minuziöse Korrekturen durchgeführt und alle ungenauen Stellen verbessert. Es ist erstaunlich zu sehen, wie die Kids mit den Korrekturen umgehen, die von der Regie kommen. Kurze Sätze, meist auf Englisch oder auf Deutsch, werden über Mikrofon in den Raum geworfen und zack, schon rücken die kleinen Tänzer auf der Bühne in die richtige Position. Auf kleine Details wie »Go out of the line« oder »Don´t look down«, reagieren die angehenden Tänzer sofort!
Die Schüler lernen früh sich selbst zu verbessern: oft ertappt man sie, wie sie überprüfen, ob ihr Fuß richtig gestreckt ist, die Hüfte richtig gedreht und die Schultern auf einer Linie stehen. Diesen Hang zum Perfektionismus macht sie zu richtigen Neumeier-Eleven: Wie der Meister, so der Schüler.
Zwei Kamerateams begleiten die kleinen Stars auf und hinter der Bühne. Die Kinder geben Interviews, in denen sie erklären, wie sie sich fühlen und was sie denken, wenn sie tanzen, ganz wie professionelle Tänzer. Ein anderes Kamerateam zeichnet die gesamte Vorstellung auf, aber auch davon lassen sich die Schüler nicht stören. Sie geben auf der Bühne ihr Bestes.
Für viele der ganz Kleinen ist es die erste Bühnenerfahrung und man muss zugeben, sie schlagen sich wacker. Man merkt ihnen die Anspannung nicht an, sondern spürt eine positive Energie in der Luft.
Die Schüler der höheren Klassen, die schon öfters auf einer Bühne getanzt haben, eröffnen mit »Jubiläumstänze« (Choreografie von Kevin Haigen) die Proben und zeigen ihre Beherrschung der klassischen Technik. Ob im Pas-de-deux oder in den Gruppentänzen, die Schüler führen ihre jetés, arabesques oder retirés mit großer Bravour aus.
In »Danza Rustica« (Choreografie von Ann Drower) zeigen die kleinsten Tänzer der Ballettschule ihr Können. Die Kleinen überraschen mit ihrem außerordentlichen Rhythmusgefühl und mit ihrem ausgeprägten Raumbewusstsein. Brav reihen sich die Kleinen einen hinter den anderen und stampfen und klatschen voller Freude den Takt mit. Das Publikum ist entzückt! Als letztes Stück vor der Pause wird »Hommage à Igor Moissejew« in der Choreografie von Brita Adam und Konstantin Tselikov gezeigt. Igor Moissejew ist als exzellenter Tänzer in die Tanzgeschichte eingegangen, der sich vor allem mit Folklore auseinandergesetzt hat. Und genau diese Leidenschaft wird von den jungen Tänzern auf die Bühne gebracht. In volkstümlichen russischen Trachten werden schwere Schritte gezeigt, die fast in die Akrobatik-Schublade eingeordnet werden könnten.
Nach der Pause wird eine Choreografie vom Chefchoreografen John Neumeier gezeigt: »Vaslaw« ist eine schwierige Choreografie mit klaren Zitaten aus dem »L´Après-midi d´un faune«, die vom großen Tänzer und Choreografen Vaslaw Nijinsky choreografiert und getanzt wurde. »Vaslaw« selbst orientiert sich an Nijinskys Skizzen zu Stücken Johan Sebastian Bachs, die nie vollendet wurden- für Neumeier inspirierende Fragmente. Aber auch hier geben die Kids ihr Bestes ohne Spur von Ehrfurcht. Silk Road ist eine Choreografie die aus der Gemeinschaftsarbeit der Tanzenden unter der Leitung von Beatrice Schickendantz-Giger entstand. Die orientalischen Einflüsse der fließenden Bewegungen und die Wahl der Kostüme erinnern an den amerikanischen Choreografen Merce Cunningham, die Technik des contraction-realease an Martha Graham, aber auch die Arbeiten des tschechischen Choreographen Jirí Kilián hat man irgendwie im Hinterkopf. Es ist erstaunlich zu sehen, wie die angehenden Tänzer diese verschiedenen Techniken meistern. In der letzten Choreografie »Passion« (Choreografie von Stacey Denham) beweisen die Schüler dann, dass sie auch ganz anders können. Hier zeigen sie, was für sie »tanzen« bedeutet. Sie bewegen sich frei von den Ballettkonventionen und untermalt von Tonbandaufzeichnungen ihrer Gefühle beim Tanzen. Unglaublich zu sehen, was diese Kids alles drauf haben.
Dann endlich kommt das erlösende Urteil des Choreografen »Good, very good«. Um 22:00 Uhr geht es für die Schüler nach Hause, um sich für die Vorstellung am nächsten Abend auszuruhen. Aber bei so viel Professionalität, kann sowieso nicht viel schief laufen.
»Passion« – Choreografie: Sracey Denham © Holger Badekow
»Silk Road« – Gemeinschaftsarbeit der Tanzenden unter der Leitung von Beatrice Schickendantz-Giger © Holger Badekow
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