von Sarah Bidoli
Wie wir schon vor einigen Tagen berichtet haben, gewannen unsere Tänzer Hélène Bouchet und Thiago Bordin den diesjährigen Benois de la Danse. Nach dem Bericht der Tänzerin des Hamburg Balletts, verrät uns auch Thiago, was er in Russland bei der Preisverleihung erlebt hat:
Es war das allererste Mal, dass ich in Russland auftrat. Wie Hélène schon berichtete, hatten wir wirklich keine Zeit die russische Hauptstadt zu sehen. Unser Tagesablauf fand zwischen Hotelzimmer und Probebühne statt. Ich konnte mir nicht mal den Roten Platz ansehen! Als die Preisverleihung stattfand, waren wir mehr wegen der Tanzvorstellung aufgeregt, als wegen der Auszeichnung selbst. Ehrlich gesagt, hatte ich nicht wirklich erwartet, den Preis zu gewinnen. Es gibt so viele gute Tänzer. Ganz besonders bei dieser Veranstaltung fällt es einem immer wieder auf. Die Jury ist subjektiv und man kann nie wissen, wie sie sich am Ende entscheidet. Eine andere Jury hätte vielleicht ganz anders entschieden!
Während der Proben hatte man uns gesagt, dass als erstes der beste Choreograf von Manuel Legris und einem Tänzer des Bolschoi ausgezeichnet werden würde und dann erst der Gewinner der Männerkategorie aufgerufen werden sollte. Aber irgendwie regte sich nichts! Es wurde nur ewig auf russisch geplappert bis auf einmal mein Name fiel. Ruskaja, ruskaja, ruskaja, Thiago Bordin, ruskaja, rusakaja... Und schon wurde mein Profilbild mit Ausschnitten aus Balletten, in denen ich getanzt habe, auf die Leinwand des Saales projiziert. Wir Nominierten saßen alle auf der Bühne und ich habe wirklich lange gebraucht, bis ich endlich realisierte, den Preis tatsächlich gewonnen zu haben. Nur Hélène hatte sich kurz zu mir hingedreht und geflüstert: »Chouchou, ich glaube du bist dran!« Ich hatte das Gefühl Teil eines Filmes zu sein, der gerade in Slow-Motion abgespielt wurde. Ich weiß nicht wie, aber ich bin die Treppen runter gegangen, habe die Trophäe in Empfang genommen und den Leuten die Hand geschüttelt. Anstatt ans Mikrofon zu gehen und meine Rede zu halten, war ich so durcheinander, dass ich mich direkt wieder auf meinen Platz gesetzt habe. Ich muss zugeben, dass ich eigentlich überhaupt keine Rede vorbereitet hatte. Ich hatte nicht mit der Auszeichnung gerechnet!
Nach diesem Schock wurde die beste Tänzerin gekürt. Als der Name Hélène Bouchet fiel, konnte ich es gar nicht fassen. Ich war glücklicher als glücklich! Mit Hélènes Auszeichnung war mein Glück vollkommen. Es wäre ein wenig traurig gewesen, wenn nur einer von uns den Preis gewonnen hätte. Ich war so stolz, diesen Preis als Paar zu erhalten. Was für eine Bestätigung! Ich habe die perfekte Tanzpartnerin gefunden, mit der ich schon seit 10 Jahren arbeiten durfte. Sie ist absolut einmalig! Ausdruckskraft, lange, wunderschöne Linien und eine tolle Tänzerqualität machen sie zu einer ganz besonderen Person. Nicht alle Tänzer haben das Glück, die perfekte Partnerin gefunden zu haben.
Der Benois de la Danse ist eine Auszeichnung, die alle Qualitäten eines Tänzers berücksichtigt. Wir werden von international bedeutenden Choreografen beurteilt, die absolute Profis in ihrem Fach sind. Die Entscheidung, uns beide auszuzeichnen, zeigt, dass John Neumeier eine tolle Arbeit leistet. Für uns ist er wie ein Regisseur, der uns in die richtige Richtung lenkt, aber wir müssen viel an uns arbeiten und uns autonom weiterentwickeln. Die Auszeichnung bestätigt die Bedeutung von Johns Wirken als Künstler und zeigt, dass das, was wir hier machen, nicht eine kitschige Show oder eine Art Zirkusnummer ist, sondern harte künstlerische Arbeit auf höchstem Niveau, die auch international als solche anerkannt wird.
Der Benois ist uns aber, Gott sei Dank, nicht zu Kopf gestiegen. Als wir wieder in Hamburg gelandet sind, haben wir schon am nächsten Tag ganz normal am Training des Hamburg Ballett teilgenommen, denn unsere Ausbildung als Tänzer ist noch lange nicht abgeschlossen. Man lernt jeden Tag dazu, auch wenn man 40 ist. Außerdem sind wir als Tänzer immer auf der Suche nach neuen Ausdrucksmöglichkeiten. Das Hamburger Abendblatt hat uns als »Traumpaar mit Bodenhaftung« definiert. Das finde ich sehr sympathisch und denke, dass es gut auf uns zutrifft.
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