Tanz – Lied – Parzival
Ein Interview mit dem Starbariton Thomas Hampson.
Die Fragen stellte Andrea C. Röber.
Am 1. Juli wird es eine besondere Aufführung von »Parzival – Episoden und Echo« im Rahmen der 37. Hamburger Ballett-Tage geben: Der US-amerikanische Starbariton Thomas Hampson singt »The Wound-Dresser«, John Adams’ Vertonung eines Gedichtes von Walt Whitman.
Neben weltweit gefeierten Auftritten in Konzert und Oper ist Thomas Hampson künstlerischer Leiter der »Lied Akademie« im Rahmen des Festivals »Heidelberger Frühling«, die in diesem Jahr erstmals stattfand. Er möchte hier mit dem Sängernachwuchs an der Bewahrung des Lieds als Kunstform arbeiten. Im Rahmen der Akademie gab es eine Zusammenarbeit mit John Neumeier und seiner Ballettschule. Der als Workshop konzipierte Aufführungstag stieß auf große Resonanz – zur Freude aller Beteiligten. Die Kooperation soll im nächsten Jahr mit der Ballettschule des HAMBURG BALLETT und dem Bundesjugendballett fortgesetzt werden.
Am Sonntag hatte Thomas Hampson mit Richard Wagners »Parsifal« Premiere in Zürich. Er singt dort den Amfortas. Trotz der Premierenvorbereitung hat er sich in der letzten Woche die Zeit genommen, für diesen Blog nicht nur über die Lied Akademie zu sprechen, sondern auch über sein Verhältnis zu Tanz, John Neumeier und die Herausforderung, für eine Ballettproduktion zu singen.
Wie sind Sie mit Tanz und Ballett in Berührung gekommen?
Thomas Hampson: Ich habe mit Ballett bisher sehr wenig zu tun gehabt. Ich bewundere Tanz, bin aber ein typischer Laie, wenn es um die Kunstform geht. Natürlich bin ich immer wieder als Zuschauer ins Ballett gegangen und kenne auch einige berühmte Choreografen und Direktoren, beispielsweise Peter Martins vom New York City Ballet und natürlich John Neumeier. Das Schlüsselerlebnis hatte ich relativ spät: Beim »Requiem« von John Neumeier bei den Salzburger Festspielen 1991. Ich habe zum ersten Mal ein klassisches Musikwerk in Kombination mit Tanz gesehen – das hat mich sehr fasziniert.
Und wie haben Sie John Neumeier kennen gelernt?
Thomas Hampson: Ich habe John Neumeier im selben Jahr in Salzburg getroffen. Wir haben uns über die Jahre über gemeinsame Freunde immer wieder mal getroffen. Ich habe dabei erfahren, dass er für sein Ballett »Yondering« eine Platte von mir choreografiert hat. Eigentlich geht es natürlich um die Lieder von Stephen C. Foster, aber er hat dafür meine Aufnahme benutzt. Das war ein Anstoß und wir haben angefangen, über Tanz und Wort, Bewegung und Musik zu reden – darüber, wie man die Elemente miteinander kombinieren sollte und was der Effekt ist, wenn man das tut.
Im Frühjahr 2011 kam es erstmals zu einer Zusammenarbeit mit John Neumeier und der Ballettschule des HAMBURG BALLETT im Rahmen des »Heidelberger Frühlings«. Wie kam es dazu und wie sah sie aus?
Thomas Hampson: Thorsten Schmidt, der Leiter des »Heidelberger Frühling«, und ich haben schon lange von einer Lied Akademie geträumt, die gezielt den Nachwuchs anspricht. In diesem Jahr haben wir sie zum ersten Mal im Rahmen des Festivals durchgeführt. Ich bin ihr Künstlerischer Leiter, Thorsten Schmidt betreut als Intendant das Organisatorische.
Wir haben versucht, unterschiedliche Aspekte, Arbeitsweisen, Programme, Sichtweisen und Ziele in diesem Projekt zusammenzubringen. Durch meine Erfahrung als Liedinterpret habe ich ein umfangreiches Wissen darüber, was erforderlich ist, um das Lied als Kunstform am Leben zu erhalten. Es braucht einen lebendigen Zugang und Verständnis – auch dem Publikum gegenüber. Ich wollte die Lied Akademie als Akademie im Platonischen Sinn konzipieren: Es werden unterschiedliche Themenaspekte behandelt, in ganz unterschiedlichen Lehrarten: Seminare, Vorträge und Gesangsunterricht. Der Gesangsunterricht ist aber quasi schon etwas für Fortgeschrittene, die »Young Professionals«. Ich möchte in Hinblick auf den Liedgesang das »Wie« mit dem »Warum« verbinden. Es geht um den Ausdruck des Liedtextes, aber natürlich auch den Einfluss von der Musik. Im Liedgesang sind das Wort und vor allem die Metapher wichtig. Es geht um die Bedeutung der Fantasie und der Metaphern-Welt für die Lieder. An dieser Stelle kommen wir zur Bewegung, zum Tanz. Es war von Anfang an der Wunsch von Thorsten Schmidt und mir, mit John Neumeier zusammen zu arbeiten.
Ich wusste, dass John Neumeier der Künstlernachwuchs sehr am Herzen liegt, er seine eigene Schule gegründet hat, junge Choreografen unterstützt und Ballette speziell für Schüler choreografiert hat. Ich schlug ihm vor, jungen Choreografen und Tänzern gemeinsam mit jungen Sängern die Möglichkeit zu geben, sich in einer Seminaratmosphäre mit Tanz, Musik, Form und Metapher auseinanderzusetzen. Er war begeistert von der Idee. Natürlich arbeiten wir im Rahmen der Akademie auch mit Texten und Bildern. Es erschien mir jedoch logischer und organischer, mit Tanz, Bewegung, mit körperlichem Ausdruck, zu arbeiten. Die körperliche Verbindung mit der Musik ist wichtig. Auch ein Sänger ist mit seinem Körper sehr beschäftigt, und wir würden gern tanzen, aber wir dürfen nicht [lacht]. Ein Tänzer beschäftigt sich unheimlich viel mit dem Inhalt und damit, woher der emotionale Ursprung dieses Liedes kommt, vor allem bei Musik und Rhythmus. Ich bin/war sehr gespannt, was für ein Dialog zwischen den jungen Sängern und Tänzern entsteht.
Wie sehen Sie das Verhältnis zwischen sängerischer und tänzerischer Interpreten bei einem Lied?
Thomas Hampson: Bei der sängerischen Interpretation von Liedern geht es weniger um die künstlerische Persönlichkeit des Interpreten. Der Sänger kann keine persönliche Meinung in seine Interpretation einbringen. Es ist vielmehr umgekehrt: Er muss einen Entzifferungsprozess vollführen. Es muss genau verstehen, woher das Gedicht, der Text, kommt, von welchem Dichter, aus welcher Epoche, in welcher Sprache und so weiter. Die musikalische Sprache fordert dieselbe Analyse. Wir entziffern sehr viel, um das Lied in seiner Komplexität hörbar zu machen. Ein Choreograf und Tänzer geht demgegenüber in die nächste Dimension und versucht das Lied in Raum, Bewegung und Zeit sichtbar zu machen. Mir geht es bei dieser Zusammenarbeit darum, herauszufinden, wie ein Sänger und ein Choreograf bzw. Tänzer an einem Lied arbeiten. Es soll ein lebendiger Austausch von menschlichen Themen in Gesang und Bewegung sein.
Was war es für ein Gefühl, als die Ballettschule auch »Yondering« zu Ihrer Aufnahme der Lieder von Stephen C. Foster getanzt hat?
Thomas Hampson: Ich hatte »Yondering« vorher nur auf Band gesehen. Als wir dann dort zusammen saßen und ich diese drei-, vierdimensionale Darstellung sah, war ich erstaunt, wie gründlich der Tanz auf die metaphorische Bedeutungsebene eingehen kann. In den meisterlichen Händen von John Neumeier wird das Lied umgreifend erfasst und für den Zuschauer erlebbar. Das war für mich eine ganz tiefgreifende Erfahrung. Ich war sehr berührt und begeistert. Ich fand, die tänzerischen Umsetzungen haben genau die Lieder getroffen und eine visuelle Darstellung des Lebens der Zeit gegeben, aus der die Lieder stammen.
Außerdem haben die Schüler noch »Wo die schönen Trompeten blasen« aus »Des Knaben Wunderhorn« getanzt. Sie haben selbst diese Lieder von Gustav Mahler mehrfach aufgenommen und singen Sie immer wieder auf der ganzen Welt: Wie wirkt die choreografische Umsetzung von etwas, das sie so gut kennen, auf Sie?
Thomas Hampson: Das war ein sehr berührender Moment. Die Welt von Mahler und »Des Knaben Wunderhorn« ist noch weiter, noch reicher. Dieser sehr schwer beschreibbare Dialog in »Wo die schönen Trompeten blasen« zwischen dem so genannten Mann und der so genannten Frau, die eigentlich Verkörperungen von Animus und Anima im Sinne C. G. Jungs sind, ist extrem schwer zu analysieren, zu diskutieren. Ich finde, dass der Tanz gerade diese Ebene besser erreicht. Der Choreografie gelingt es, die Ferne, die Verlorenheit auszudrücken, die gleichzeitig in Realität und Traum angesiedelt zu sein scheint. Das im Tanz gesehen zu haben, gibt mir auch viel als Sänger. John und ich haben danach beschlossen, dass wir ein längeres Gespräch über Mahler und »Des Knaben Wunderhorn« führen werden. Das wird bestimmt interessant.
Denken Sie, die tänzerische Interpretation kann einen Einfluss auf Ihre künstlerische Herangehensweise haben?
Thomas Hampson: Ich weiß nicht, ob das, was ich sehe, einen direkten Einfluss auf meine Fantasie und meine sängerische Interpretation hat. Aber es erweitert meinen persönlichen Zugang zu dem Lied. Es ist sehr wichtig für einen Sänger, auch die Persönlichkeit zu entwickeln. Ich versuche, meinen jüngeren Kollegen zu vermitteln, wie wichtig es ist, beispielsweise in Galerien und Museen zu gehen. Als Künstler brauchen wir nicht nur die fachliche Ausbildung und Disziplin, wir brauchen vielfältige Eindrücke und Bilder, Lebendigkeit und Zusammenhänge – jenseits des reinen Studiums und des Business. Lebendige Ansammlung, Austausch und Wahrnehmung von menschlichem Leben sind ungeheuer wichtig für einen Künstler – das ist auch das, was ich mit der Lied Akademie erreichen möchte. Da ist es schön, John Neumeier als einen Meister der Darstellung des menschlichen Emotionsfeldes an der Seite zu haben. Seine Fantasie und Sensibilität bereichern die künstlerische Auseinandersetzung ungeheuer.
In Hinblick auf die Lied Akademie 2012: Haben Sie für die zweite Zusammenarbeit mit der Ballettschule des HAMBURG BALLETT und dem Bundesjugendballett schon konkrete Ideen und Wünsche?
Thomas Hampson: Wir setzen unsere Zusammenarbeit auf jeden Fall fort. Es gibt auch schon einen Termin für ein Treffen mit John Neumeier im Sommer fest. Konkretes steht noch nicht fest, aber es soll ein intensiveres Arbeiten werden. In diesem Jahr gab es »nur« einen wunderschönen Aufführungstag, aber im nächsten Jahr hoffe ich, dass es mehrere Veranstaltungen innerhalb der zwei Wochen geben kann, wo die Tänzer und Choreografen mit den Sängern intensiver ihre künstlerischen Ansätze diskutieren und sich miteinander austauschen können.
Zurück in die unmittelbare Zukunft: Sie singen am 1. Juli in John Neumeiers »Parzival – Episoden und Echo« in der Hamburgischen Staatsoper. Ist es richtig, dass Sie zum ersten Mal in einer Ballettproduktion singen?
Thomas Hampson: Ja, ich singe zum ersten Mal, während jemand hüpft [lacht]. Es ist eine ganz neue Erfahrung für mich und ich freue mich sehr darauf.
Edvin Revazov als Parzival © Holger Badekow
Werden Sie sich anders vorbereiten als auf einen Liederabend oder eine Opernaufführung?
Thomas Hampson: Ich werde mich an diesem Abend vor allem darauf konzentrieren, John Adams wunderschöne Vertonung von »The Wound-Dresser« zu singen – diese bewegende Ballade von Walt Whitman, der zu den größten Dichter der amerikanischen Literatur zählt. Zusammen mit dem Dirigenten und den Kollegen vom Orchester möchte ich dafür sorgen, dass meine Interpretation haargenau im Ton von John Adams ist. Ich möchte dafür sorgen, dass die Text-Erzählung des Lieds lebendig und verständlich wird. Nach der »Parsifal«-Premiere am Sonntag in Zürich werde ich mir das Stück intensiv vornehmen, denn ich habe es schon ein paar Jahre nicht mehr gesungen. Die Partitur ist sehr komplex, aber wunderschön. Ich werde mich intensiv mit diesem sehr berührenden und bedeutenden Text von Walt Whitman beschäftigen. Und natürlich proben, damit alles perfekt sitzt. Insofern bereite ich mich genau wie auf eine Recital oder eine Oper vor. Die zusätzliche neue Erfahrung wird für mich sein, dass ich als Sänger nicht im Vordergrund stehe: Der Tanz ist das Wesentliche. Auf der Bühne wird die Musik durch den Tanz dreidimensional und lebendig, während ich gewissermaßen die Erzählung dazu liefere. Diese Erfahrung habe ich in dieser Art noch nicht gemacht. Ich bin sehr gespannt und ich habe viel Vertrauen in John Neumeier. Daher habe ich auch spontan und begeistert zugesagt, als er mich fragte. Meine einzige wirkliche Enttäuschung wird vermutlich sein, dass ich nicht im Zuschauerraum sitzen kann, um das Ballett von dort aus zu erleben.
Mehr zu Thomas Hampson: www.thomashampson.com
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