Text und Fotos von Daniela Rothensee
18.30 Uhr. Blick aus dem Fenster des Ballettzentrums. Die Schlange der Wartenden in der Caspar-Voght-Straße wird länger, je näher es gegen die volle Stunde geht. Diejenigen Besucher in Pole-Position riskieren bereits seit einer halben Stunde, sich die Nase an der Eingangstür platt zu drücken.
Drinnen im Foyer steigt auch unter den Mitarbeitern die Vorfreude. »3, 2, 1...« zählt Ulrike Schmidt, Betriebsdirektorin und stellvertretende Ballettdirektorin, rückwärts. Punkt 18:45 Uhr setzt die erste Besucherin den Fuß über die Schwelle. Sie biegt zielstrebig nach links ab zur Ticketkasse. So wie sie scheinen alle gleich zu wissen, wohin sie wollen. Die meisten zieht’s im Laufschritt ins Untergeschoss zur Probe von EIN SOMMERNACHTSTRAUM. Hier wird John Neumeier am ehesten vermutet. Ich lasse mich hingegen von dem Besucherstrom mitreißen, der in den 3. Stock drängt.
19.10 Uhr. Ballettsaal FOKINE. Probe für ORPHEUS. Anna Laudere, von John Neumeier gerade zur Ersten Solistin befördert, und Roberto Bolle, Gasttänzer aus Italien, sind schon im Saal als ich als eine der letzten noch schnell am Einlassdienst vorbeieile.
Da kommen auch schon Sonja Tinnes, Choreologin beim HAMBURG BALLETT, und Ballettmeister Radik Zaripov, – kurz darauf auch Edvin Revazov, seit 2010 Erster Solist der Compagnie.
Sogleich nehmen er und Bolle ihre Ausgangsposition ein und Strawinskys Musik erklingt. Gebannt warten zahlreiche Augenpaare auf die erste Bewegung. Doch dann plötzlich Sonja Tinnes und Radik Zaripov fast wie im Chor: »We missed it!«. Sie hatten den Einsatz verpasst. Großes Gelächter bei den Tänzern und beim Publikum.
Beim zweiten Mal stimmt der Einsatz. Für einen Moment scheint das historische Wandgemälde von Anita Rée zum Leben erweckt. Ob die Zuschauer wohl wissen, dass hinter ihnen »Orpheus mit den Tieren« den Ballettsaal schmückt? Heute steht der tanzende Orpheus im Mittelpunkt der Aufmerksamkeit.
Während die beiden probieren, macht sich Anna Laudere an der Seite warm. Später kommt auch sie zum Einsatz. Mythischer Zauber im Probenraum!
Edvin Revazov und Roberto Bolle
Draußen höre ich schon das Gemurmel der Besucher, die für die nächste Probe anstehen. Da geht plötzlich die Tür auf und zwei Zuschauerinnen huschen in den Saal. Wie die wohl am eigentlich standhaften Türwart vorbeigelangt sind?
Bereits an ihrem erwartungsvoll suchenden Blick erkenne ich sofort: sie sind für den Gaststar aus Italien da. Viel sehen sie nicht mehr von dessen Orpheus-Interpretation, aber der große Moment für sie kommt erst noch: Nach der Probe nutzen sie die Gelegenheit, ihn um ein Autogramm zu bitten »A Elena«- »Für Elena« schreibt Bolle, denn seine beiden Fans stammen wie er aus Italien.
Manuela, 36 und Elena, 33, leben seit 5 Jahren in Hamburg, angetan von Roberto sind sie aber schon viel länger. An ihm lieben sie vor allem seine Eleganz und Leichtigkeit: »Und das Gefühl, das er rüberbringt!«, fügt Manuela hinzu. Als vor zwei Jahren Bolle wegen einer Verletzung die von Neumeier eigens für ihn choreografierte Rolle nicht tanzen konnte, waren sie ganz schön enttäuscht. Umso mehr freuen sie sich auf ihren Besuch der KAMELIENDAME, für den sie sich bereits Karten gesichert haben.
20.00 Uhr. Ballettsaal WIGMAN. Tanz Kompositionen. In einer Viertelstunde sollen hier die Theaterklassen VII+VIII ihr Können demonstrieren. Der Saal ist bereits gut gefüllt und die TänzerInnen sind schon in der Mitte des Raumes versammelt. Rechts vor dem Flügel sitzt ein kleines Grüppchen Zuschauerinnen im Schneidersitz auf dem Boden und steckt angeregt die Köpfe zusammen. Ich geselle mich für einen Moment zu ihnen. Es stellt sich heraus, dass ich bei Mareike (23), Kirsten (24) und Daniela (23) in eine Expertenrunde geraten bin. Alle drei sind Tanzpädagoginnen mit abgeschlossener Ausbildung an der Lola-Rogge-Schule.
Die Theaternacht gibt ihnen auch dieses Jahr wieder die Gelegenheit um über das hohe Niveau der SchülerInnen der Ballettschule John Neumeier zu staunen. Ihren pädagogischen Blick könne sie nie gänzlich ablegen, sagt Kirsten und die anderen nicken zustimmend. »Das, was man hier sieht, kann man mit dem, was wir unterrichten, nicht vergleichen. Wir unterrichten Laien, die 1x die Woche trainieren, da ist das Niveau natürlich ein anderes.« Sie alle lieben ihren Beruf, wissen aber auch über die Schwierigkeiten zu berichten, die dieser vor allem für Berufsanfänger mit sich bringt. »Stunden findet man immer«, erzählt Mareike, »aber stets an verschiedenen Schulen.« Daniela fährt zum Unterrichten sogar an eine Schule nach Niedersachsen. Das sei schon anstrengend und sie überlege noch, sich weiterzubilden oder sogar zu studieren, so wie Kirsten.
Bei der Theaternacht waren alle drei schon mehrfach. Und immer im Ballettzentrum. Sie gehen immer die Schule angucken, nie die Profis. Die sehen sie dann ja in der Oper, Mareike hatte auch mal das Jugend-Abonnement Ballett. Vielleicht, so die drei, gehen wir anschließend noch ins Ernst Deutsch Theater, denn da gibt die Ballettschule Einblicke in die »Werkstatt der Kreativität. »Das interessiert uns eben!« sagt Kirsten abschließend.
Ich mache mich auf zum Bundesjugendballett, nicht ohne vorher noch einen Blick in den Ballettsaal CRANKO geworfen zu haben, wo Schülerinnen der Klasse III unter der Anleitung von Ballettpädagogin Carolina Borrajo gerade klassisches Training vorführen. Fasziniert von der Präzision und Disziplin der Mädchen in ihren hellblauen Trikots verweile ich auch hier einen Moment.
20.30. Ballettsaal BOURNONVILLE. Präsentation des Bundesjugendballetts. Als ich ankomme, sind die sieben jungen Tänzer gerade mitten in der Entwicklung einer Choreografie. Wir, das Publikum, sitzen im Kreis um die Tänzer herum, angelehnt an die Spiegelfront des Ballettsaals.
Yohan Stegli und das Bundesjugendballett
Lässig lehnt Yohan Stegli, der Ballettmeister der neu gegründeten Compagnie, am Klavier. Seine lockere und humorvolle Art bringt ihm sofort die Sympathie des Publikums ein. Anstatt Kommandos zu geben fragt er immer wieder: »And, what next?«. So gibt er seinen Tänzern Raum zur Improvisation. Gabriela Finardi, beginnt um den Tisch, der als Requisit dient, Drehungen zu machen. »Yes, that’s good, Gaby« ruft Yohan und alle versuchen sich Gabrielas Bewegung anzueignen. So entsteht vor unseren Augen eine kurze Choreografie um einen Tisch und sechs Stühle, erst ohne, dann mit Musik.
Neben mir sitzt Emilia, sieben Jahre, mit ihren Eltern. Ihre Mama findet es spannend, an der Kreation von etwas Neuem Teil zu haben. Hier wird auf unkonventionelle Art Ballett neu definiert. Emilia, die selbst in der Vorschulklasse A der Ballettschule ist, findet’s einfach »gut.
«In einer Pause gelingt es mir kurz mit Natalie Ogonek, einer der vier weiblichen Mitglieder der Jugendcompagnie, zu sprechen. »Das ist das erste Mal, dass wir zusammen proben«, berichtet die frisch aus Canada eingeflogene US-Amerikanerin. Über die Arbeit mit Yohan weiß sie nur Gutes zu berichten, »He is great!« lobt sie. Überhaupt sei die Atmosphäre einzigartig, »very welcoming, collaborative, non-judgemental.« Auch das Publikum teilt ihre Begeisterung.
21.00 Ballettsaal PETIPA. Probe für EIN SOMMERNACHTSTRAUM.Zum Abschluss will ich mir aber ein anderes Highlight nicht entgehen lassen: die Compagnie bei den Proben zu EIN SOMMERNACHTSTRAUM. Auf meinem Weg ins Untergeschoss komme ich erneut an der Kartenkasse vorbei. Immer noch herrscht hier Hochbetrieb. Ich entscheide spontan, eine kurze Befragung durchzuführen. »Und für welche Karten steht ihr hier heute Abend an?« frage ich zwei Freundinnen weiter hinten in der Schlange. Irritiert gucken die beiden zurück. »Stehen wir hier nicht richtig für EIN SOMMERNACHTSTRAUM?«. Auch ein Pärchen hinter ihnen horcht auf. Es hat sich ebenfalls in der Schlange geirrt.
Währen ich den kleinen Trupp zum Ballettsaal PETIPA führe, ist Zeit für ein kurzes Gespräch. Jessica und Cornelia, beide 32, wollen nach dem Ballettzentrum noch mit dem Alsterschiff zu Kampnagel fahren und danach in die Schanze zum Kulturhaus III&70. Auch Sigrun und Wolfgang ziehen noch weiter. Die Komödie Winterhuder Fährhaus und das Schmidts Tivoli stehen noch auf ihrer Liste.
Probe für »Ein Sommernachtstraum«
Angekommen in PETIPA verabschiede ich mich und mache mich auf die Suche nach einem strategisch günstigen Platz. Hier herrscht mit Abstand am meisten Andrang. Auf Zehenspitzen erhasche ich über die Köpfe der Zuschauer hinweg einen Blick auf Alexandre Riabko. Dann sehe ich auch Hélène Bouchet und den Rest des Ensembles. John Neumeier sitzt mit seinen Ballettmeistern nah an den Tänzern und spricht seine Kommentare ins Mikrofon. Ich merke gar nicht wie die Zeit vergeht und »erwache« erst, als der Ballettintendant sich beim Publikum für die Aufmerksamkeit bedankt. Während er aufsteht, um den Tänzern, diesmal ohne Mikro und nicht für alle hörbar, weiteres Feedback zu geben, verlassen die Zuschauer nach und nach den Saal. Auch ich bewege mich Richtung Ausgang.
Nicht ohne jedoch noch einen Schnappschuss von Fabian, 19, und Kim, 21, zu machen, zwei Musical-Studenten der Stage School, die das soeben Gesehene gleich in die Praxis umsetzen. Bitte Beine strecken, Jungs, und immer schön lächeln dabei!
Auch im Ballettschuhlager, in das ich kurz vor Schluss noch einen Blick werfe, geht’s um tanzende Männer. Elisabeth erklärt einigen Besucherinnen, dass sie momentan auch für vier Männer Spitzenschuhe vorrätig hat. Im Sommernachtstraum tanzt einer der Handwerker auf Spitze, wenn er als Thisbe zur Belustigung des Publikums beiträgt. Männer in Spitzenschuhen, das sei allerdings nach wie vor eine Ausnahme! Der Ausnahmezustand im Ballettzentrum ist heute Abend für mein Empfinden ausnahmslos geglückt!
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