von Daniela Rothensee
Cojocaru oder Bolle? Bouchet oder Riabko? Zum Spielzeitauftakt beim HAMBURG BALLETT stand das Ballett-Publikum vor keiner leichten Wahl. Die Antwort kam meist einstimmig: am liebsten alle vier. Für den Großteil der Zuschauer hieß es dann aber doch entweder oder. Drei Mal gab es Gelegenheit die tragische Liebe zwischen Marguerite und Armand an diesem verlängerten Wochenende zu erleben, für viele ein Anlass ihren Kurzurlaub in die Staatsoper zu verlagern.
Hélène Bouchet und Roberto Bolle © Holger Badekow
Auch ich will mir keine der beiden Besetzungen entgehen lassen und habe mir für den 3. und 4. Oktober Karten organisiert. An der Kartenkasse geht’s an beiden Abenden um kurz nach sieben professionell zu. »Wer jetzt noch keine Karten hat bitte der Reihe nach anstellen. Die zuerst da waren bitte vorlassen«.
Am ersten Abend erlebe ich das Rollendebüt von Alina Cojocaru – eigentlich eine der Stars des Royal Ballet aber zurzeit als Gast in Hamburg – als Marguerite als ein Ereignis größter Virtuosität und Hingabe. Bei ihrer anmutigen und grazilen Interpretation der Marguerite kommt mir vor allem ein Wort in den Sinn: Leichtigkeit. Insbesondere in den berührenden Pas de deux zeigen Alexandre Riabko und die Gasttänzerin allerhöchste Tanzkunst. Alexandre Riabko ist ein nachdenklicher Armand, in den emotionalen Momenten überraschend leidenschaftlich. Beim tragischen Ende wischt sich nicht nur meine Sitznachbarin eine Träne aus dem Augenwinkel.
Alexandre Riabko und Alina Cojocaru © Holger Badekow
Am zweiten Abend treffe ich im Foyer zufällig eine Freundin, ausgestattet mit Programmheft, Opernglas und Reclams Ballettführer. »Ich habe bei der Kartenkasse an der Theaternacht zugeschlagen«, freut sie sich. »Jetzt bin ich bis Weihnachten ständig im Ballett«. Eine ältere Dame gesellt sich zu uns und zeigt stolz ihr Programmheft zur Premiere in Hamburg am 1. Februar 1981. Sie gerät sogleich ins Schwärmen: »Marcia Haydée und Kevin Haigen, war das ein schönes Paar«. Jetzt wolle sie mal gucken, wie das der Italiener so macht.
Äußerst elegant und überzeugend gibt Gaststar Roberto Bolle den Armand; er hatte die Rolle zuletzt beim American Ballet Theatre in New York getanzt. Er ist nicht nur der stürmisch-leidenschaftliche junge Liebende, sondern vermittelt auch glaubhaft die ernsthafte Dimension seiner Rolle. Seine Partnerin Hélène Bouchet verkörpert souverän alle Facetten der Marguerite, von der kecken Kurtisane bis zur von Krankheit geschwächten Frau. Neben mir sitzt Patrycja Krawczynska, die Pianistin des BUNDESJUGENDBALLET, und begleitet mit ihren Fingern den Pianisten Oliver Kern auf einer imaginären Tastatur. 3 Stunden Chopin – 3 Stunden brillanter Ballettgenuss.
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