von Daniela Rothensee
Dank der durch die Zeitumstellung gewonnenen zusätzlichen Stunde Schlaf, fühle ich mich ausgeruhter als für Sonntagvormittage so üblich. Es ist der letzte Sonntag dieses sonnenscheinreichen Oktobers und es ist Ballett-Werkstatt: die erste dieser Spielzeit, die 193. seit der ersten Werkstatt vor 38 Jahren. Fast genauso lange ist es her, dass das Ballett, über das John Neumeier heute spricht, in Hamburg uraufgeführt wurde: Am 14. Juni 1975 hatte »Dritte Sinfonie von Gustav Mahler« damals Premiere. Heute spricht John Neumeier über die bevorstehende Wiederaufnahme.
Nach der Begrüßung nähern wir uns dem Ballett aber zuerst einmal über die Gattung und gehen dafür in der Geschichte des Tanzes zurück bis ins 19. Jahrhundert: »Dritte Sinfonie von Gustav Mahler« ist nämlich ein sinfonisches Ballett und das habe er, so Neumeier, natürlich nicht erfunden. Mein Notizblock befindet sich unnötigerweise in der anderen Handtasche. Die wiederum liegt ungünstigerweise zu Hause. Angestrengt versuche ich die Namen der Choreografen im Gedächtnis zu behalten. Von Salvatore Viganò ist die Rede und seinem 1801 entstandenen Ballett »Die Geschöpfe des Prometheus« zur Musik von Ludwig van Beethoven, danach von Michel Fokines »Les Sylphides« von 1907. Léonide Massine merke ich mir noch und Maurice Béjart, schalte dann aber meinen Kopf erst einmal aus und genieße die erste Tanzeinlage der Werkstatt: ein von Anna Laudere im weißen Tutu getanztes Solo aus »Les Sylphides«.
Als John Neuemeier wieder das Wort ergreift geht es zuerst einmal um Musik. Sie nämlich ist der wahre Portagonist eines sinfonischen Balletts. Man hört eine Musik und muss sich in sie verlieben, sagt Neumeier. Wenn man sie liebt, dann hört man sie immer und immer wieder. Bis irgendwann der Moment kommt, an dem man sich zu ihr bewegt. Dann weiß man, dass es nicht nur eine Musik ist, die man gerne hört, sondern die man choreografieren möchte.
Natürlich nimmt man nicht die Partitur und setzt diese in Bewegung um, indem man für jedes Instrument einen Tänzer oder eine Gruppe von Tänzern festlegt. Man versucht vielmehr die Stimmung, die Emotion, welche die Musik transportiert in Bewegung umzusetzen. Die intuitive Phase nennt Neumeier das. Auf die muss dann noch eine intellektuelle Phase folgen, in der man sich näher mit der Musik, dem Komponisten und der Zeit und den Umständen beschäftigt, in der diese entstanden ist. Weil es aber nicht um Handlung geht, sondern um Stimmung, lässt das sinfonische Ballett eine große Interpretationsfreiheit. Jeder Zuschauer kann seine eigene Geschichte darin sehen.
Immer wieder holt John Neumeier Tänzer auf die Bühne, um uns, das Publikum, in die Geheimnisse seiner Choreografie einzuweihen. Ein besonderer Moment ist der Pas de trois »Nacht«, getanzt von Hélène Bouchet, Thiago Bordin und Alexandre Riabko. Die Choreografie entstand ein Jahr bevor Neumeier überhaupt daran dachte die gesamte Sinfonie Mahlers zu komponieren anlässlich einer Gala in Ehren des verstorbenen John Cranko im Juli 1974 in Stuttgart.
Eine Anekdote zu dieser Uraufführung krönt diesen Teil der Werkstatt: Neumeier erzählt, dass der erste Teil der Choreografie auch damals schon in Stille stattfinden und erst an einem bestimmten Punkt die Musik einsetzen sollte. Hierzu war das Licht im Orchestergraben aus. Es sollte dann ein Zeichen geben: wenn ein Tänzer den anderen auf eine bestimmte Art und Weise mit der Hand berührt, sollte der Inspizient das Licht im Orchestergraben anschalten und das Orchester mit dem vierten Satz der Sinfonie einsetzen. Aber der Inspizient hat vergessen das Licht anzumachen. Ganze sechs Minuten lang passierte gar nichts. Er sein in seinem Sessel fast gestorben, lacht Neumeier heute: ich saß da und dachte jetzt ist alles aus. Ich stimme in das Lachen des Publikums ein, als Neumeier scherzt: Das Publikum damals dachte wohl, ich hätte ein modernes Experiment zeigen wollen.
Die heitere Stimmung transportiert sich in unsere Hände und zu einem lang andauernden warmen Applaus, als Neumeier Silvia Azzoni ankündigt. Sie steht das erste Mal seit ihrer Babypause wieder auf der Hamburger Staatsopern-Bühne. Und beim Pas de deux von ihr und ihrem Partner Alexandre Riabko aus dem sechsten Satz »Was mir die Liebe erzählt« ist es wirklich, als hätte die Liebe selbst ihre Spitzenschuhe angezogen.
Die heutige Werkstatt ist aber damit noch nicht zu Ende. Denn Neumeier hält noch eine Überraschung bereit: erstmals erhalten wir einen Einblick in die Arbeit des BUNDESJUGENDBALLETT. Hoch gewachsen und Neumeier um mindestens zwei Köpfe überragend bleibt Robert Binet, der zwanzigjährige Choreograf aus Kanada, schüchtern einige Schritte hinter dem Meister zurück und verneigt sich noch ein wenig linkisch vor dem Publikum. Er hat zur Musik von Schuberts »Die schöne Müllerin« gearbeitet. Die acht Tänzerinnen und Tänzer der frisch gegründeten Compagnie zeigen Ausschnitte aus Binets Choreografie, die im kommenden Jahr im März beim Festival »Heidelberger Frühling« uraufgeführt wird. Anhaltender Applaus für Gabriela, Natalie, Yukino, Winnie, Daan, Patrick, Graeme und Maurus.
Während ich mich mit dem Publikumsstrom aus der Oper heraustreiben lasse, nehme ich mir vor, mich unbedingt noch diese Woche nach Zügen nach Heidelberg zu erkundigen. Meine Karte für die Wiederaufnahmepremiere von »Dritte Sinfonie von Gustav Mahler« am 5. November von habe ich mir ja zum Glück bereits gesichert.
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