von Ondrej Rudcenko, Pianist beim Hamburg Ballett,
verfasst von Anna Schwan
Die China-Tournee begann für mich mit einem Schock, einem positiven Schock. Am 22. Januar, unserem ersten Tag in Peking, wurde mein Sohn geboren. Zwar hatte ich mich schon darauf eingestellt, dass ich bei der Geburt nicht dabei sein würde, weil ich auf Tournee bin, aber dass es so schnell ging, hätte ich nicht gedacht. Stichtag war erst der 4. Februar. Das Schlimmste für mich ist, dass ich bis heute nicht mit meiner Frau sprechen konnte und auch noch kein Foto von meinem Kind gesehen habe – solange sie im Krankenhaus sind, können sie nicht skypen und mein Telefon hat keinen Kredit für so teure Ferngespräche. Ich musste mich bislang auf Textnachrichten beschränken. Das ist nicht leicht.
Was ich nicht fassen kann: Schon mein erstes Kind wurde ganz knapp vor einem China-Gastspiel geboren. Meine Tochter kam vor zwei Jahren zur Welt, einen Tag, bevor wir damals nach Peking abgefahren sind. China ist für mich also untrennbar mit meinen Kindern verbunden. Ich habe mich gefragt, ob es richtig ist, dieses Mal mit auf Tournee zu gehen. Natürlich wäre ich gern bei der Geburt dabei gewesen. Aber ich hatte das Thema mit meiner Frau Katerina besprochen. Sie fand es wichtig, dass ich beim Gastspiel dabei bin. Ich bin einer der Pianisten des Hamburg Ballett, ich spiele während der Nijinsky-Vorstellungen auf der Bühne, ich begleite die Proben. Die Compagnie braucht mich eben auch.
Ich bin nur froh, dass meine Frau nicht allein ist, sondern der Rest der Familie in Hamburg war, als sie ins Krankenhaus kam – beide Großmütter und sogar die Urgroßmutter waren aus Prag angereist. Meine Schwiegermutter war selbst Kinderkrankenschwester, das beruhigt mich, denn so weiß ich, dass meine Frau auch zuhause gut versorgt ist.
Für mich ist es ein merkwürdiges Gefühl, nun wieder Vater zu sein. Es ist so unwirklich, mir fehlt die persönliche Begegnung mit dem Kind. Eine Geburt, das ist so ein emotionaler Moment, aber ich weiß davon nur durch Nachrichten auf meinem Handy. Ich freue mich so darauf, endlich mit Mutter und Kind skypen zu können. Heute kommen sie aus dem Krankenhaus, dann ist es soweit. Dann können wir auch den Namen des Kindes festlegen. Wir schwanken noch zwischen Michal und Michael. Wirklich amtlich können wir den Namen aber erst machen, wenn ich wieder zurück bin. Auf der Geburtsanzeige müssen beide Eltern unterschreiben.
Ich nutze diese Tournee, die Zeit ohne Familie, um zu üben und um mich auszuruhen. Denn viel Schlaf habe ich in den letzten zwei Jahren nicht bekommen – da war die Aufregung um das erste Baby, wir haben ein Haus gekauft und renoviert – ein pralles Leben also. Mit dem zweiten Kind wird es noch praller werden. Darauf freue ich mich sehr. Mein Sohn ist am ersten Tag des chinesischen Neujahrs geboren, er ist ein kleiner Drache.
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