Der erste Eindruck dieser Chinatournee, gestern, kurz nachdem ich aus San Francisco gelandet bin, war ein sehr schöner: Eine Einladung zum Mittagessen. Ein Mittagessen, ein Business-Lunch noch dazu, das mag wenig aufregend klingen. Aber gestern war Sonntag. Der erste Tag des Chinesischen Neujahrsfests, des wichtigsten Fests des chinesischen Kalenders. Es ist das größte Familienfest des Landes, jeder Chinese besucht seine Verwandten, das ganze Land ist in Bewegung. An einem solchen Tag zum Essen eingeladen zu werden, das zeugt von sehr großer Wertschätzung. Ich hatte das Glück mit Madame Feng zu essen, der Direktorin des Chinesischen Nationalballetts. Wir haben uns während der letzten Tournee nach Beijing im Jahr 2010 kennengelernt und seitdem eine enge Zusammenarbeit unserer beiden Compagnien etabliert. Und so sprachen wir über unsere nächsten Projekte, über die Tournee und darüber, wie sich China als Tanzland verändert.
China überrascht mich und macht mich neugierig. Episoden wie dieses Mittagessen, überhaupt die gesamte Zusammenarbeit mit dem Nationalballett, die inzwischen sehr persönlich geworden ist, schaffen eine wachsende persönliche Nähe zu diesem Land. Es klingt wie ein Klischee: zu sagen, dass sich hier alles so schnell wandelt. Aber es ist so. Auch in künstlerischer Hinsicht, auch beim Ballett.
Ich war beeindruckt, dass wir nur zwei Jahre nach unserem letzten Bejing-Gastspiel wieder auf so eine aufwändige Tournee eingeladen worden sind. Wir werden bis zum 12. Februar nicht nur in Beijing auftreten, sondern auch in Hongkong und in Shanghai. Unsere Vorstellungen fallen genau in die Zeit des Neujahrsfests. Aber sie sind trotzdem sehr gut verkauft. Das zeigt mir, dass die Menschen hier, auch wenn sie keine lange Ballett-Tradition haben, eine große Neugier besitzen und sehr aufgeschlossen sind. Sie wollen Neues erfahren, Grenzen überschreiten. Dem begegnen wir mit den drei Choreografien, die wir hier zeigen: Die Dritte Sinfonie von Gustav Mahler, Nijinsky und Endstation Sehnsucht. Die drei Ballette zeigen neue Perspektiven auf den Tanz und seine Erlebbarkeit. Sie wenden sich ab vom klassisch-akademischen Ballettstil, der hier in China bisher am bekanntesten ist, ohne jedoch die Tradition zu verraten. Gleichzeitig sind es wichtige Werke im Repertoire des Hamburg Ballett, sie zeigen die Bandbreite meiner Choreografien.
Den Auftakt macht Mahlers Dritte Sinfonie. Schon morgen ist die Premiere im National Center for the Performing Arts, dem zu den Olympischen Spielen 2008 fertiggestellten Theaterbau direkt neben dem Platz des Himmlischen Friedens. Die Bühne hier ist viel größer als in Hamburg. Wir müssen also neu platzieren, damit das Ballett optimal wirken kann. Das heißt, wir müssen neue Positionen für die Tänzer finden. Die Bühne ist weit ins Auditorium vorgebaut, das Publikum ist deshalb sehr nah am Geschehen, es wird direkt involviert. Gute Bedingungen also, damit sich die Zuschauer einlassen auf mein Ballett. Ich halte Mahlers Dritte Sinfonie inzwischen für das perfekte Stück zum hiesigen Neujahrsfest – die ganze Stadt ist momentan rot geschmückt, die Farbe symbolisiert Glück für das Neue Jahr. Auch die letzten Szenen des Balletts sind ganz in rot getaucht. Für mich bedeutet diese Farbe Liebe. Glück und Liebe – mehr kann man sich für den Auftakt einer Tournee kaum wünschen.
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