von Pia Christine Boekhorst
Ich komme ins Foyer der Hamburgischen Staatsoper, um meine erste Ballett-Werkstatt zu erleben. Es herrscht eine vorweihnachtliche Stimmung. Kleine Teddys werden verkauft, rote Aids-Schleifen stecken an Jacketts und auf Plakaten trägt der Ballettdirektor und Chefchoreograf John Neumeier eine Weihnachtsmütze auf dem Kopf. Der Erlös der 198. Ballett-Werkstatt geht an die gemeinnützige Organisation Hamburg Leuchtfeuer, die unter anderem ein Sterbehospiz erhält. Ich kaufe einen Teddy und begebe mich in den Zuschauerraum.
Auf der Bühne hat bereits das öffentliche Training begonnen, doch erst nach und nach füllt sich der Zuschauerraum. Als die Tänzerinnen und Tänzer bei den Grands Battements angelangt sind, ist die Staatsoper bis auf den letzten Platz gefüllt. Ich sitze mit dem Teddy auf dem Schoß als John Neumeier um Punkt 11.00 Uhr in sportlicher HAMBURG BALLETT-Kapuzenjacke die Bühne betritt. In seinen einleitenden Worten blickt er auf seine vergangenen Jahre als Ballettdirektor und Chefchoreograf in Hamburg zurück: »Vierzig ist nichts als eine kalte Zahl. Diese vierzig Jahre werden erst vorstellbar, wenn man sie mit Inhalt füllt.« Genau das soll bei dieser Ballett-Werkstatt geschehen. Um diese Jahre mit Leben zu füllen, verweist John Neumeier nicht nur auf die Vergangenheit, sondern auch auf die Zukunft. Die Zukunft wird repräsentiert durch die Schüler der Schule des HAMBURG BALLETT, die drei Auszüge aus »Yondering« tanzen. John Neumeier übersetzt uns zunächst das etwas antiquierte englische Wort, das so viel bedeutet wie »über die letzte Grenze hinaus«. Die folkloristisch angehauchte Musik von Stephen C. Foster erinnert John Neumeier an seine Wurzeln in Amerika. Besonders das zweite der drei Stücke verzaubert mich vollkommen. Chloe Piozzi aus der 6. Ausbildungsklasse und Matias Oberlin aus der Theaterklasse der Ballettschule zeigen in »Molly! Do You Love Me«, wie es ist, Schmetterlinge im Bauch zu haben und sich doch nicht zu trauen. Sie weist ihn immer wieder ab, er schlägt sich verzweifelt mit der Faust an den Kopf bis sie ihm am Ende in seinen Armen zärtlich durchs Haar wuschelt. Ein Lächeln bleibt auf meinem Gesicht.
Chloe Piozzi und Matias Oberlin in einer Probe im Ballettzentrum zu »Molly! Do You Love Me« aus »Yondering« © Melanie Ferreira Caetano