Eine Reise durch John Neumeiers
»Ausnahmeballette«
Die 199. Ballett-Werkstatt
Von Pia Christine Boekhorst
Der 13. Januar 2013 ist ein eisiger Sonntag
in Hamburg. Als ich mich von Zuhause auf den Weg mache, schneit es. Mit
frierenden Händen und roter Nase komme ich in die beheizte Hamburgische
Staatsoper zur 199. Ballett-Werkstatt. Während die Tänzer sich an der Stange
aufwärmen, taue auch ich auf und lese mich in den Besetzungszettel ein. Nachdem
es in den letzten beiden Werkstätten um Ballette ging, die über die Jahre zu Hamburger
Klassikern geworden sind, ist das Thema dieses Mal: »Ausnahmeballette«. Dies
seien die »Outsider« in seinem Œuvre, so John Neumeier. Sie seien zwar nicht
populär, aber enorm wichtig, da sie als »Schlüsselwerke« fungierten. Sie hätten
oft Impulse für andere Ballette gegeben und seien essentiell für seine
choreografische Identität. Charakteristisch für diese »Ausnahmeballette« sei auch
ihr Entstehungsprozess. Neumeier erklärt, dass er bei ihnen nicht in erster
Linie eine Geschichte erzählen wollte. Vielmehr hätte er sich auf die Musik
konzentriert und aus dieser die Inspiration für die Figuren gezogen. Beispielhaft
zeigt der Ballettdirektor und Chefchoreograf Ausschnitte aus »Dämmern«,
»Winterreise«, »Lieder der Nacht«, »Parzival – Episoden und Echo«,
»Purgatorio«, »Préludes CV« und »Opus 100 – für Maurice«.
Hélène Bouchet und Lloyd Riggins in "Préludes CV" © Marcus Renner
So auch bei »Dämmern«, das Neumeier 1972 auf die Musik von Alexander Skrjabin in Frankfurt choreografiert hat. Neumeier hatte sich nach dem ersten Hören in die Musik verliebt: »Ich war wie besessen von der Musik. Ich habe sie Tag und Nacht gehört und musste alle Werke dieses Komponisten haben. Besonders interessant fand ich das Tempo. Es war irgendwie merkwürdig. Erst wenig später hat man mir mitgeteilt, dass ich die Platte viel zu schnell abgespielt habe.« Diese Anekdote sorgt für heiteres Lachen im ausverkauften Zuschauerraum. Yukino Takaura tanzt ein Solo aus »Dämmern«. In den Bewegungen der Tänzerin des BUNDESJUGENDBALLETT sehe ich Einsamkeit und in ihren großen Augen Trauer. Doch als Neumeier die Pianistin bittet, langsamer zu spielen, müssen alle wieder lachen. Kann man ihm vertrauen, dass er bei diesem Stück das richtige Tempo angibt?
Das nächste Ballett, das Neumeier einleitet, passt perfekt zum Wetter und zu meiner Stimmung: »Winterreise« zur Musik von Franz Schubert in der Interpretation von Hans Zender. »Ich habe die Musik vor einigen Jahren durch Zufall entdeckt. Ich habe während einer Pause der Proben für das Neujahrskonzert in Wien in einem Plattengeschäft gestöbert und bin auf Hans Zenders Musik Schuberts ›Winterreise‹ gestoßen«, erinnert sich der Ballettdirektor. Aleix Martínez aus dem Ensemble des HAMBURG BALLETT tanzt einen Reisenden zu dem »Gute Nacht«-Lied der Zenderschen Schubert-Interpretation. Er sieht verloren aus mit einer dicken Wintermütze auf dem Kopf und in einem hell braunen Pulli mit viel zu langen Ärmeln. Er schlenkert verzweifelt mit den Armen und scheint nicht zu wissen, wohin sein Weg führen soll. Ich sehe die weite Schneelandschaft förmlich vor meinen Augen.
Die Faszination für eine Musik stand auch am Anfang der Kreation von »Purgatorio«. Neumeier hatte sich zunächst mit der Geschichte des Komponisten Gustav Mahler beschäftigt, stieß auf diese Weise aber auf die Lieder von seiner Frau, Alma Maria Schindler-Mahler. »Ich kannte ihre Musik zuerst nicht und dachte, dass es wohl einen Sinn haben wird, wenn ich der Musik noch nicht begegnet bin. Doch eines Nachts habe ich mich gefragt: Wie waren eigentlich die Lieder von Alma? Als ich schließlich ihre Kompositionen gehört habe, war ich überrascht. Ich war wie berauscht und habe alles von ihr gehört. Ich hatte das Gefühl, in der Musik die Geschichte von Gustav und Alma Mahler zu hören«, erzählt Neumeier. Einen Ausschnitt aus »Purgatorio« tanzen Hélène Bouchet, Lloyd Riggins und Thiago Bordin. Neben ihnen bewegt sich ein dreieckiges Stück Wiese wie von Zauberhand über die Bühne. Auf dem hell grünen Rasen liegen Kopien der Originalpartitur von Gustav Mahler. Beim Pas de Trois ergibt sich ein wunderschönes Farbenspiel mit dem roten Kleid der Tänzerin und dem weißen Anzug ihres Partners.
Im Anschluss folgt das aktuellste »Ausnahmeballett«. »Préludes CV« hat gerade erst seine Wiederaufnahme gefeiert. Wie die anderen Ballette ist auch dieses Werk ohne den Anspruch entstanden, eine bestimmte Geschichte zu erzählen. Doch durch die Arbeit mit seinen Solisten hat sich schließlich wie von selbst eine Handlung ergeben. In der Werkstatt sehen wir ein Solo von Lloyd Riggins und Hélène Bouchet. Für mich stellen sie ein Paar da, das sich zwar nicht mehr liebt, aber das sich auch nicht voneinander trennen kann. Riggins läuft auf allen Vieren um die am Boden zusammengekauerte Bouchet herum und drückt immer wieder ihren Kopf herunter. Doch auch er ist erschöpft und knickt ein. Als er von ihr ablässt, steht sie auf, geht zu ihm hin und nimmt ihn in den Arm. Vielleicht lieben sie sich doch.
Zum Schluss der Werkstatt verweist Neumeier darauf, dass außergewöhnliche Ballette auch Kult werden können, wie etwa »Opus 100 – für Maurice«, das er zum 70. Geburtstag von Maurice Béjart choreografiert hat. Der Ausschnitt aus dem Ballett über eine ungewöhnliche Männer- und Künstlerfreundschaft wird getanzt von Alexandre Riabko und Ivan Urban. Die beiden strahlen so viel Wärme und Vertrauen aus, dass ich gut gewappnet bin, um wieder nach draußen in die Kälte zu gehen.
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