Eine Unterhaltung mit dem Tänzer Aleix Martínez und der Choreologin Sonja Tinnes über die mysteriöse Rolle des IM’R DA in »Préludes CV«
Aleix Martínez als IM'R DA in "Préludes CV" © Pia Christine Boekhorst
Von Pia Christine Boekhorst
Für das HAMBURG BALLETT beginnt das Jahr 2013
mit der Wiederaufnahme von John Neumeiers Ballett »Préludes CV». Sonja Tinnes
ist die Choreologin der Compagnie. Sie hat den Ersten Akt in der Benesh
Notation aufgeschrieben und die Proben begleitet. Der 20-Jährige Aleix Martínez
aus Spanien tanzt die Rolle des IM’R DA.
Wie würdet ihr die Rolle des IM’R DA beschreiben?
Sonja Tinnes: Ich denke, es ist eine schwierige Rolle, weil IM’R DA einfach immer da ist – wie schon der Name andeutet. Es gibt Momente, in denen er sich überhaupt nicht bewegt und nur anwesend ist. Er ist wie eine Präsenz. Vielleicht könnte man sagen, er ist die Hoffnung oder das Leben. Im gesamten Ersten Akt ist IM’R DA schwarz angezogen, am Ende des Balletts trägt er weiße Kleidung und hält eine Kerze in der Hand. Wenn HEATHER stirbt, wird diese Kerze ausgeblasen. Ich denke, das ist ein sehr schönes Bild.
Aleix Martínez: Die Rolle ist wirklich schwer zu erklären. Sie ist kein wirklicher Charakter, kein Objekt, noch nicht einmal etwas, das du sehen kannst. Vielleicht ist »es« Energie. Manchmal habe ich das Gefühl, dass es die Energie zwischen Menschen ist oder dass es Teil der Luft ist. Vielleicht ist es die Energie, die einen traurig, ärgerlich, durcheinander oder ängstlich macht. Auf der anderen Seite kann die Rolle auch wie ein friedlicher oder ermunternder Moment sein.
Sonja Tinnes: In dem ersten Solo zum Beispiel habe ich das Gefühl, dass IM’R DA die Gefühle von HEATHER und LLOYD zeigt. Sie versuchen die Probleme ihrer Ehe zu vertuschen, aber IM’R DA verkörpert die Wut und die Angst, die unter der Oberfläche liegt.
Aleix Martínez: Aber es ist alles sehr abstrakt und schwierig in Worte zu fassen. John [Neumeier] hat einmal gesagt, dass es um eine bestimmte Qualität geht.
Sonja Tinnes: Es ist interessant, dass John bei der Arbeit mit Dir IM’R DA an einigen Stellen aus »Préludes CV« hinzugefügt hat, wo er früher noch nicht da war. Er ist jetzt prominenter auf der Bühne und es gibt einen völlig neuen Aufgang am Ende des Stückes.
Was ist das Besondere an der Rolle aus den Augen einer Choreologin?
Sonja Tinnes: Die Bewegungen sind ganz besonders, weil sie sehr modern sind. Vielleicht kann man sagen, dass IM’R DAs Bewegungssprache anders modern ist als die der anderen Charaktere. Deshalb ist es nicht leicht die Choreografie zu schreiben. Man muss entscheiden, was wichtig ist und was nicht. Denn manchmal geht es um Formen, manchmal um den Energiefluss. Außerdem ist die Rolle musikalisch nicht einfach, was die Hölle ist, wenn man es aufschreiben muss [lachend]. Als Choreologin muss man genau sein, obwohl man es vielleicht nicht sein will. Das ist viel Arbeit und dauert lange, aber auf diese Weise lernt man Charaktere sehr gut kennen und mag sie umso mehr.
Wer hat die Rolle bei der Premiere 2003 getanzt?
Sonja Tinnes: Das war Yukichi Hattori. Er war ein ganz besonderer Tänzer. Er kam aus Japan und er war zu dieser Zeit sehr interessiert am Choreografieren. Deshalb hat er bei allen Proben zugeschaut, er war also immer da. »Préludes CV« ist durch das Ensemble entstanden und die Rolle des IM’R DA hat John für Yukichi kreiert. Er hat ihn dann gefragt, ob er während der Pause bei den Vorstellungen mit einer Kerze in den Händen auf der Bühne stehen bleiben würde. Das war nur möglich, weil es Yukichi war. Er hatte diese japanische Fähigkeit sich zu konzentrieren und in sich zu versinken. Er konnte sich völlig von der Umwelt abgrenzen. Mir scheint, Japaner können das generell irgendwie besser als andere Menschen, [zu Aleix] aber Du machst es wirklich sehr gut.
Wie sind die Proben verlaufen?
Aleix Martínez: Wie immer gab es einen Prozess. Am Anfang dauert es bis man die Bewegungen versteht und bis man sie einstudiert hat. Für mich waren die Handstände, Kopfstände und all diese Sachen das Schwierigste. Außerdem bin ich im ganzen Ersten Akt auf der Bühne. Manchmal tanze ich, aber bei einigen Passagen bewege ich mich gar nicht.
Sonja Tinnes: Auf diese bewegungslosen Teile folgen sehr körperliche Teile mit extrem schnellen Bewegungen, was schwierig ist zu tanzen.
Aleix Martínez: Ich denke, alles in allem waren die Proben aber gut. Es kann natürlich alles noch besser sein, aber ich versuche immer hundert Prozent zu geben.
Sonja Tinnes: Ich erlebe es immer als eine Zusammenarbeit. Wir probieren, manches funktioniert nicht, dann sucht man etwas anderes. Außerdem haben wir uns die Filmaufnahmen und Bilder von Yukichi angeschaut. Aber ich hatte das Gefühl, dass Du sehr viel mit Dir selber ausgemacht hast [zu Aleix]. Ich hatte den Eindruck, dass Du die Informationen aufgenommen hast, aus dem Ballettsaal gegangen bist, wiederkamst und beim nächsten Mal war es ein riesiger Unterschied zu vorher.
Aleix Martínez: Ja, ich versuche immer selber die Bewegungen zu erspüren. Das hilft mir mehr als ein Video oder ein Text. Wenn ich einmal verstanden habe, was ich tue oder versuche zu tun, dann kann ich an der Qualität der Schritte arbeiten, der Musikalität, der Dynamik, dem Stil. Ich versuche meine eigene Persönlichkeit in den Charakter einzubringen, ohne das Vorherige zu zerstören. Das ist es, was es so interessant macht, an Balletten dieser Art zu arbeiten. Sie sind sehr persönlich und lassen mir großen Freiraum.
Wie ist es mit der Kerze während der ganzen Pause auf der Bühne zu stehen?
Aleix Martínez: Für mich ist es ein Moment der Reflektion, fast wie Meditation. Dieser Moment kann Menschen vielleicht zusammenbringen und Hoffnung stiften. Ich fühle in diesem Moment die Zeit und wie sie vergeht. Vielleicht ist es ein spiritueller Übergang vom Ersten zum Zweiten Akt, wodurch die Zuschauer verstehen können, was im Zweiten Akt passiert. Für mich ist es schwer, so lange still zu stehen. Am Ende spüre ich, dass meine Beine zittern. Aber der Geist ist stärker als der Körper.
Eines meiner liebsten Ballette von John ist gestern wiederauferstanden. In neuer Pracht, mit neuer Energie und doch mit dem Zauber des Ursprungs von 2003/04. Einen herzlichen Dank an John für diese Leistung und Inspiration, danke an die Tänzer wie Silvia, Lloyd und Sasha, die den Geist erhalten und die Neuen, die neues Leben geben. Danke an Aleix, der auf wunderbare Weise Yukichi beerbt hat. Danke an Sonja für den Erhalt des Balletts. Und danke Jean-Jacques für dieses schöne Interview!
Kommentiert von: Kolja | 09. Januar 2013 um 16:24 Uhr