von Jérôme Cholet
So langsam verbreitet sich die Nachricht. In drei Tagen geht es los. An den Ort, wo John Neumeier selber professionell zu tanzen begonnen hatte. Wo alles anfing. Wo er einst den Boden der Ballettsäle schrubben musste, um im Gegenzug Ballettstunden zu bekommen. Wo er erste Choreografien ersonn, wo ihm die ersten Menschen sagten, dass er Talent habe, weitermachen sollte: Chicago.
Vier Tage in der Metropole am Südwestufer des Michigansees, den Neumeiers Vater als Schiffskapitän befuhr. Die Stadt, die mit ihren 2,8 Millionen Menschen Neumeier einmal zu ihren Einwohnern zählte und doch so lange keines seiner Ballette mehr gesehen hatte. Die Ausgangspunkt seiner Karriere zu einem der großen Choreografen der Welt war und doch lange Zeit sehr, sehr weit weg war. Die von einem Bürgermeister geführt wird, der selber einmal Balletttänzer war.
Vier Tage, zwei Vorstellungen. Die Chicago Tribune hieß uns bereits mit einem großen Interview willkommen, berichtete über unsere Tänzerinnen und Tänzer, unsere Ballettmeisterinnen und Ballettmeister. Das lokale Fernsehen möchte mit Neumeier in seine Heimatstadt etwa eine Stunde von Chicago fahren, eine große deutsche Zeitung bittet um ein Fototagebuch. Unser Bühnenbild und unsere Kostüme sind bereits im Hafen von Chicago angekommen, unsere Gaststätte – das 1.500 Plätze umfassende Harris Theatre - hat sich herausgeputzt. In der Stadt hängen riesige Plakate, in den Zeitungen sind bunte Anzeigen, der Kartenvorverkauf läuft auf Hochtouren.
Neumeier ist auf dem Weg, die ersten Techniker folgen ihm Dienstag und Neumeiers »Kind« - das HAMBURG BALLETT - wird Mittwoch mit seiner Betriebsdirektorin in den Flieger steigen. »Es ist eine ganz besondere Ehre für mich, eines meiner Ballette mit meiner Compagnie in meiner Heimat zu zeigen,« sagt John Neumeier, der zwar in Hamburg seit nun vierzig Jahren eine neue Heimat gefunden hat, dem er durch harte Arbeit neben einer, neben seiner Compagnie auch eine Schule, ein Internat und ein ganzes Ballettzentrum abringen konnte, der aber in einem Teil seines Herzens »auch noch Amerikaner ist und immer bleiben wird.«
»Nijinsky« steht auf dem Programm. »Keine Biographie, aber eine choreografische Annäherung,« wie John Neumeier sagt. Und eines seiner berühmtesten Ballette, das bereits in vielen Ländern gezeigt wurde. Neumeier bringt Nijinsky in die USA, in seine Heimat, an den Ausgangsort seiner Karriere. Kreise schließen sich. Der Amerikaner mit polnisch-deutschen Wurzeln bringt ein Ballett über den polnisch-russischen Tänzer in seine Heimat, einer der großen lebenden Choreografen zeigt sein Ballett zu einem der größten Choreografen. »Nijinsky« – an dem Ort, wo Neumeier das erste Mal – in einer kleinen Bibliothek – auf dessen Biografie stieß, einem der wichtigsten Impulse zu seiner Karriere, seinem Schaffensdrang, seinem Werk.
Wir kommen mit 130 Leuten, amerikanische und deutsche Journalisten sind geladen, die Kultursenatorin wird dazustoßen, die Partnerschaft zwischen Hamburg und Chicago ein weiteres Mal mit Leben gefüllt. Sind wir aufgeregt? Wir waren es bislang nicht. Zu spät. Die Tour hat begonnen.
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