Treffen mit Alma, Gustav und Walter
Die Ballett-Werkstatt zu John Neumeiers Ballett »Purgatorio«
von Andrea C. Röber
Zu spät – die U-Bahn ist gerade weg. Ein Blick auf den Fahrplan beruhigt mich, es sind nur wenige Minuten bis zu meiner Zielstation. Sonntags fährt die Bahn nur alle 10 Minuten, aber wenn ich mich beeile, schaffe ich es gerade noch pünktlich. Ich bin gespannt: Heute findet die letzte Ballett-Werkstatt dieser Spielzeit statt: zu »Purgatorio«, John Neumeiers neuer Kreation. Und obwohl es der Morgen des Pfingstsonntags ist und mein innerer Schweinehund gern noch weiter geschlafen hätte, freue ich mich. Wie die Dame, hinter der ich aus den Tiefen der U-Bahn-Station Gänsemarkt auftauche. Sie ist ebenfalls spät dran, hat genauso wie ich schon ihr Ticket in der Hand. Damit sie schnell die Marmorstufen der Staatsoper heraufeilen kann – und ja nicht den Anfang verpasst.
Probenbesuche sind das eine. Diese Möglichkeit kann und muss ich als Mitarbeiterin der Pressestelle beim HAMBURG BALLETT nutzen – gerade wenn ich das Werk wie bei Premieren und oft bei Wiederaufnahmen noch nicht kenne. Schließlich muss ich wissen, wovon ich rede. Wenn die Phase der Bühnenproben angefangen hat und meine Zeit es zulässt, mache ich gern von der Möglichkeit Gebrauch.
In der Probe bietet sich mir aber nur der Blick von außen auf ein Werk. Das ist bei einer neuen Kreation ganz besonders aufregend, denn es gibt dazu ja noch nichts: Kaum Fotos, keine Texte, kein Programmheft. Nur in einer Ballett-Werkstatt jedoch öffnet John Neumeier dem Publikum – und damit auch mir – seinen Kopf und gewährt einen Einblick in den künstlerischen Entstehungsprozess. Er erläutert seine konkreten Inspirationen, zieht Verbindungslinien zu früheren Choreografien. Die kenne ich möglicherweise gar nicht, weil sie seit Jahren nicht mehr im Repertoire sind. Doch die Werkstatt bietet den Rahmen, sie kurz zu zeigen – und John Neumeier nutzt das gern, um seine Gedankengänge sichtbar zu machen. Er stellt zudem Ergebnisse seiner eigenen Recherchen und kleine Details vor, die man sonst kaum bemerken würde, hinter denen aber eine schöne Geschichte oder eine wichtige Person steht.
So ist es auch an diesem Pfingstsonntag: Zum ersten Mal treffe ich die Protagonisten aus »Purgatorio«, dem neuen Mahler-Ballett: den österreichischen Komponisten Gustav Mahler, seine Frau Alma Schindler-Mahler und den Architekten Walter Gropius, der 1919 das legendäre Bauhaus in Weimar gründen sollte und damit Architektur und Design revolutionierte, der aber zur Zeit der Begegnung mit Gustav und Alma vor allem eins war: Almas Geliebter. Über die drei Persönlichkeiten habe ich schon einiges gelesen, nun aber lerne ich die Sicht eines Choreografen auf sie kennen, der sie und zum Teil ihre Kunst für ein neues Ballett nutzt.
Alexandre Riabko, Joëlle Boulogne, Carsten Jung und Lloyd Riggins
© Holger Badekow