Heute gibt die mit dieser Spielzeit zur Solistin beförderte Florencia Chinellato bei der Wiederaufnahme von »Romeo und Julia« ihr Debut als Julia. Während der Vorbereitungen zur Hauptrolle in John Neumeiers Klassiker stand ihr Marianne Kruuse zur Seite. Mit ihr kreierte John Neumeier 1971 die Rolle in Frankfurt und auch bei der Premiere der Neufassung 1981 in Hamburg tanzte sie Shakespeares berühmte Protagonistin.
Florencia Chinellato und Marianne Kruuse bei Proben zu »Romeo und Julia« © Vincent Klueger
Florencia Chinellato und Marianne Kruuse im Gespräch mit Pia Christine Boekhorst
Was bedeutet »Romeo und Julia« für Sie beide?
Chinellato: Liebe. »Romeo und Julia« bedeutet für mich absolute Liebe. Pure Liebe, die wichtiger ist als alles andere. Den Liebenden ist es egal, wie sehr ihre Familien sich hassen oder was andere über ihre Beziehung denken könnten.
Kruuse: Darüber hinaus hat »Romeo und Julia« eine sehr große persönliche Bedeutung für mich. John hat es für mich choreografiert und wenn ich mir das Stück jetzt wieder anschaue, kommt alles zurück. Die Bewegungen sind immer noch in meinem Körper und ich freue mich zu sehen, wie nun junge Tänzerinnen und Tänzer John Neumeiers Choreografie umsetzen.
Wie ist oder wie war es, die Julia zu tanzen?
Kruuse: Für mich war die Julia eine meiner Lieblingsrollen. Ich liebe die Helena in »Ein Sommernachtstraum«, die Marie in »Der Nussknacker« und Chloë in »Daphnis und Chloë« eigentlich genauso, aber Julia ist schon etwas Spezielles. Gerade vor dem Hintergrund, dass »Romeo und Julia« nach »Daphnis und Chloë« erst John Neumeiers zweite große Kreation in Frankfurt war. Die Arbeit mit ihm und meinem damaligen Partner Truman Finney bei der Kreation war sehr intensiv. Dann gingen wir mit John Neumeier nach Hamburg und auch dort war es die zweite Premiere, die ich sogar mit ihm selbst als Romeo getanzt habe. Damals konnten wir uns der Reaktion der Zuschauer nicht sicher sein. Denn es hatte einen großen Skandal gegeben, so dass das Publikum zunächst höchst skeptisch war. [John Neumeiers Entscheidung, die meisten Tänzer des Balletts der Hamburgischen Staatsoper bei seinem Amtsantritt nicht zu übernehmen, war auf große Kritik gestoßen. Anm. d. Red.] Mit der ersten Ballett-Werkstatt konnte John Neumeier zwar begeistern, doch wir waren trotzdem noch aufgeregt.
Chinellato: Ich habe die Rolle noch nie in einer Vorstellung getanzt. Ich kann nur sagen, dass es eine riesige Herausforderung ist, sich auf die Rolle vorzubereiten. Es ist eine sehr schwierige Choreografie, weil sie sehr vielseitig ist. Julia hat ein bisschen was von allem: sie ist glücklich, traurig, mal ärgerlich, schüchtern, ausgelassen, am Anfang ungeschickt, stark und am Ende nimmt sie sich selber das Leben. Ich liebe diese Rolle. Es ist toll, sie zu tanzen.
Frau Kruuse, was sind die besonderen Herausforderungen der Rolle?
Kruuse: Die Rolle ist schwierig, weil sie nicht einfach nur dramatisch ist, sondern man muss sie aufbauen. Es beginnt mit einem sehr jungen verspielten Mädchen in der Badszene. Sie ist barfuß, lacht nur und macht sich über ihre Mutter lustig. Es war übrigens das erste Mal, dass Julia in einem klassischen Ballett barfuß getanzt hat und nur mit einem Handtuch bekleidet die Bühne betrat. Später trägt Julia Spitzenschuhe, was verdeutlich, wie sie langsam älter und reifer wird. Sie versteht zu diesem Zeitpunkt sich selbst und ihre Umwelt besser. Schon als sie Paris heiraten soll, wächst sie ein kleines bisschen. Als sie dann plötzlich Romeo sieht, der sich beim Abendball reingeschmuggelt hat, merkt sie, was es Wichtiges im Leben gibt. Schon vom Verspielten im Bad zum Ball, wo sie ganz formell ihren Examenstanz machen muss, geschieht ein Prozess. Im Pas de deux ist es allerdings immer noch so, dass Julia im Gegensatz zu Romeo die Unerfahrene ist. Schließlich kommen die Balkonszene, die Hochzeitsszene und der Moment, an dem Julia das Gift zu sich nimmt. Im Verlauf der Handlung reift Julia und diese Entwicklung muss sich im Ausdruck der Tänzerin zeigen. Während man die Choreografie durch ständiges Wiederholen üben kann, ist es schwierig, die Rolle ganz auszufüllen, wenn man nicht die Anlagen zum Schauspielen hat. Und selbst für die Tänzerinnen, die spielen können, ist es nicht leicht, weil sie begreifen müssen, in welchem Stadium der Persönlichkeitsentwicklung sich Julia gerade befindet.
Florencia, setzt es Dich unter Druck eine Rolle zu tanzen, von der jeder Zuschauer durch den Film oder eine andere Bühnenversion bereits ein Bild hat?
Chinellato: Nein, es hängt schließlich immer vom Blickwinkel des Betrachters ab, welche Geschichte er sieht. Deshalb hat jeder eine andere Meinung von den Charakteren und würde Romeo und Julia anders beschreiben. Diesen verschiedenen Ansichten kann ich niemals gerecht werden. Mit John Neumeier versuchen wir immer die »richtige« Interpretation der Rolle zu finden und umzusetzen. Es geht darum, eine wahre schlüssige Geschichte zu erzählen. Dass alle Leute im Publikum dann einverstanden sind, kann man vielleicht nie erreichen.
Wie würdest Du Julia beschreiben?
Chinellato: In erster Linie sehe ich sie als eine starke Persönlichkeit. Am Anfang ist sie ein wenig ungeschickt und kann sich auf dem Ball noch nicht angemessen präsentieren. Doch sie ist ein Mädchen, das weiß, was sie will und dann stur bleibt. Sie handelt nicht so, wie ihre Eltern es möchten, weil ihr Herz ihr etwas anderes sagt. Sie folgt ihrem Herzen und handelt emotional. Außerdem ist sie ein sehr ehrliches und natürliches Mädchen. Sie möchte nichts vorgeben. Die Eltern im Ballett stehen immer so da [Florencia formt mit ihren Händen ein Dreieck unter ihrer Brust]. Sie sind steif und auf Formalia bedacht. Julia versucht zwar ihnen gerecht zu werden und sich in ihre Welt einzufügen, aber die Liebe ist ihr wichtiger.
Wie hast du sich Julia genähert?
Chinellato: Ich habe Shakespeares Drama schon in der Schule gelesen und ich war in dem Film mit Leonardo DiCaprio und Claire Danes. Außerdem habe ich das Ballett gesehen, als es das letzte Mal [2006] auf dem Spielplan stand. Jetzt durch das Lernen der Rolle entdecke ich neue Seiten und habe einen anderen Zugang. Ich verstehe nun die Zusammenhänge und vor allem Julias Gefühle besser.
Frau Kruuse, erinnern Sie sich noch an den Kreationsprozess?
Kruuse: An einige Stellen der Kreation erinnere ich mich als sei es gestern gewesen. Ich sehe den Saal vor mir und wie wir dort die Schritte entwickelt haben. Es ist viel durch Ausprobieren entstanden. Mit meinem Partner haben sich neue Bewegungen ergeben, die John Neumeier vielleicht gefallen haben oder die er weiterentwickelte. Ich denke, bei meiner Lieblingsszene, der Vision, hatte John Neumeier schon die Choreografie vorher im Kopf. Bevor Julia zu Bruder Lorenzo läuft, um ihn um Rat zu fragen, hat sie eine Vision. Sie tanzt und Romeo befindet sich hinter ihr, aber das spielt sich nur in ihrem Kopf ab. Dann fängt Julia an zu laufen, zu rennen und zwar zuerst rückwärts, was sehr schwierig ist. Die Bühne in Frankfurt war unheimlich groß und wie geschaffen für weite Wege. Ich denke, das Besondere an John Neumeiers Arbeit war, dass er alles vertanzt haben wollte. In anderen Versionen der Geschichte zum Beispiel haben Vater und Mutter in den Familienszenen nicht getanzt, sondern nur Julia und Paris. John Neumeier hat diese Szene mit einem Pas de Quatre gestaltet, in dem Julia von einer Person zur nächsten weitergegeben wird. Im ganzen Stück sieht man nur Tanz und keine Pantomime, wie es in vorherigen Versionen oft gewesen ist.
Was ist es für ein Gefühl für Sie jetzt der nächsten Generation zu helfen?
Kruuse: Es ist sehr schön, Florencia während der Einstudierung bei wesentlichen Details zu helfen. Sie ist offen für Anregungen und nimmt gerne Korrekturen an. Ich finde die Rolle passt wirklich gut zu ihr, weil sie so eine natürliche Ausstrahlung hat. Andererseits kann sie auch sehr dramatisch sein. Deshalb macht es mir großen Spaß mit ihr zu arbeiten. Ich habe das schon immer gerne gemacht. Zusammen mit Kevin Haigen habe ich auch bei der letzten Wiederaufnahme mit Hélène Bouchet und Silvia Azzoni gearbeitet. Wir versuchen weiterzugeben, was John Neumeier sich bei der Kreation gedacht hat.
Wie wichtig ist der Partner in dem Ballett?
Kruuse: Der Partner ist sehr wichtig, weil man ihn auf zwei verschiedene Weisen braucht. Einmal im Sinne von Partnerarbeit: der Mann als Stütze bei den vielen Hebungen, als Unterstützung bei Drehungen. Außerdem braucht man einen Partner für die Rolle. Je mehr das Gegenüber spielt, desto mehr kann man emotional zurückgeben.
Florencia, Du hast bereits in »Onegin« und in »Ein Sommernachtstraum» zusammen mit Alexandr Trusch getanzt. Wie erlebst du die Zusammenarbeit mit ihm?
Chinellato: Ja genau, wir kennen uns inzwischen recht gut. Das macht es einfacher. Wir arbeiten sehr gut zusammen und hatten großen Spaß bei den Proben.